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: Schlaksiger Herr mit Monokel

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Eigentlich hieß der zweite Sohn des jüdischen Holzhändlerpaars Siegfried und Gertrud Schiffer, geboren 1892 in Berlin, schlicht Hans. Als Künstler, nach Studienjahren bei Emil Orlik, an der königlich-preußischen Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums - übrigens in derselben Klasse, die auch Hannah Höch besuchte -, nannte er sich dann Marcellus.

          Eigentlich hieß der zweite Sohn des jüdischen Holzhändlerpaars Siegfried und Gertrud Schiffer, geboren 1892 in Berlin, schlicht Hans. Als Künstler, nach Studienjahren bei Emil Orlik, an der königlich-preußischen Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums - übrigens in derselben Klasse, die auch Hannah Höch besuchte -, nannte er sich dann Marcellus. Er pflegte einen eleganten, schwungvollen Zeichenstil zwischen Aubrey Beardsley und Rudolf Schlichter, nicht ganz so scharflinig-ätzend wie George Grosz, der ebenfalls ein Adept des böhmischen Graphikers und Buchkünstlers war.

          Bald spürte Marcellus Schiffer die Grenzen seines bildnerischen Potentials und wandte sich dem Schreiben von Kabaretttexten, Couplets, Gedichten und kleinen satirischen Texten für Zeitschriften zu. Die berühmtesten Unterhaltungsmusiker verdankten ihm die zündendsten Zeilen, erinnert sei nur an "Sex-Appeal", "Daffke", "Die Linie der Mode" oder "Die Braut". Der leidenschaftliche Theaterbesucher entwarf für manche Aufführung selbst das Plakat. Später wurden seine Couplets und Chansons, vertont von den originellsten Meistern der leichten Muse Berlins, zu populären Nummern der Branche. Oft schrieb er die Texte manchen Sängerinnen auf den Leib, wurde mit dem Honorar jedoch regelmäßig vertröstet. Zur Zeit der Inflation zahlte man zwar Mammutsummen, viel wert waren die dicken Notenbündel jedoch nicht.

          Wer aber war Marcellus Schiffer? Eine Publikation gibt darüber jetzt Auskunft. Unter dem roten Umschlag sind in einem etwas laienhaft ausgefallenen Layout höchst interessante Dokumente und reizvolle Proben aus dem zeichnerischen und schriftstellerischen Schaffen des 1932 gestorbenen Multitalents gebündelt, dessen Hang zur lustbetonten Huldigung an das schöne Geschlecht bereits auf den ersten Seiten durch weibliche Aktfotos annonciert wird. Der Herausgeber Viktor Rotthaler nennt seinen Band im Untertitel ein "Marcellus-Schiffer-Mosaik". Ein Mosaik, in dem die interessantesten Steinchen häufig die kleingedruckten Bilderläuterungen in der Randspalte sind.

          Die Materialien dieses in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Akademie der Künste entstandenen Buchs stammen aus dem Nachlaß, den Sylvie Lion, Nichte der 1989 in Paris gestorbenen Witwe des Künstlers, dem Berliner Institut geschenkt hatte. Margo Lion tauchte noch in den sechziger Jahren in Filmen von Jacques Demy und Claude Chabrol auf und hatte schließlich, begleitet vom alten Gefährten Mischa Spoliansky, 1977 an der Spree ihren letzten Auftritt: immerhin beinahe ein halbes Jahrhundert nach der Rolle der Seeräuberjenny, die G. W. Pabst ihr in der französischen Fassung der Dreigroschenoper gegeben hatte. Das mit zahlreichen Fotos, vor allem der von Publikum und Kritik gefeierten Diseuse Margo Lion, ausgestattete Kaleidoskop zu Marcellus Schiffer enthält Tagebuchpassagen, skurrile Erzählungen und Kabinettstücke der Ironie, die dieser für die "Weltbühne" geschrieben hatte, darüber hinaus erotisch aufgeladene Zeichnungen, Plakat- und Bühnenbildentwürfe.

          Das gewiefte Multitalent, dem alles leichtzufallen schien, bewegte sich in der schillernden Szenerie der Kleinkunst, im hektischen Aufblühen und Verwelken von Cabarets und Lustspielhäusern so geschmeidig wie ein Fisch im Wasser. Seine Chansontexte, vertont von den illustresten Komponisten der hektischen Metropole, wurden schnell zu Gassenhauern und sind heute noch beliebte Nostalgie-Nummern.

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