http://www.faz.net/-gr3-8xmn4

Russische Zukunftssatire : Das Gift der roten Diamanten

Sind dies nun Kostümdarsteller oder Vorboten eines neuen Umsturzes? Marinesoldaten marschieren beim Jubiläum der Oktoberrevolution Bild: Mauritius Images

Land ohne Zukunft: Die russische Journalistin und Schriftstellerin Olga Slawnikowa hat mit ihrem Roman „2017“ eine hellsichtige Satire auf die Geschichtspolitik ihrer Heimat verfasst.

          Der Reichtum der globalen Klasse und die bodenverhaftete Armut der vielen verschränken sich in Russland besonders brutal. Doch während in Moskau die politische Macht ihre Diener reich macht, ist es in der größten Industrieregion im Ural vor allem die Rohstoffausbeute und -verarbeitung. Die russische Journalistin und Schriftstellerin Olga Slawnikowa hat in ihrem fulminanten Spion- und Liebesthriller „2017“ schon vor zehn Jahren ihre Heimatstadt Jekaterinburg als Symbolort geschildert, wo die Lebensformen luxuriöser Abgehobenheit und des verzweifelten Kampfes funkensprühend aufeinanderprallen. Zeitnah zum Jahr der Romanhandlung ist Slawnikowas Zukunftsvision, die damals mit dem russischen Booker-Preis ausgezeichnet wurde, in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung von Christiane Körner und Olga Radetzkaja herausgekommen – und erweist sich nebenbei als hellsichtige Satire auf die russische Geschichtspolitik.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch das Buch malt auch ein universelles Zeitgeschichtsbild. Deswegen versetzt es ins namentlich nicht benannte urbane Zentrum der Riphäischen Berge – wie die Griechen und Römer den fernen Ural bezeichneten –, eine vielgesichtige Landschaft, deren Schönheit durch Umweltgifte irritierend leuchtende Farbnuancen hinzugewinnt, und die einen besonderen, widerständigen Menschentyp hervorbringt. Wie den Helden Krylow, der, aus Usbekistan zugezogen, als Edelsteinmeisterschleifer hier seine Berufung findet. Angestellt in einer durchkriminalisierten Branche, wacht Krylow peinlich über seine persönliche Autonomie. Während sein prominenter Chef zu einer illegalen Expedition zu einer sagenhaften Rubinmine aufbricht, beginnt er eine Liaison mit dessen geheimnisvoller Bekannten, wobei er Wert darauf legt, dass beide möglichst wenig voneinander erfahren.

          Der scheue Held wird zum Abenteurer

          Sein obsessiver Drang nach Unabhängigkeit scheint den Helden indes attraktiv zu machen. Seine Exfrau, die als Bestattungsunternehmerin zur umschwärmten Society-Königin aufgestiegen ist, hätte ihn am liebsten wieder zurück. Auch die Geliebte nimmt die Beschwerlichkeiten ihrer Rendezvous an ständig wechselnden Orten mit geradezu masochistischer Hingabe auf sich. Doch den Autonomieversessenen stellt ein Spion nach, und auch die Kontrollmanie des Staates, der das Revolutionsjubiläum durch ein Kostümtheater einzuhegen versucht, kann die echte Revolte nicht verhindern. Die unkontrolliert einbrechende Wirklichkeit stürzt die Oligarchin, vergoldet die Geliebte und macht aus dem scheuen Helden einen Abenteurer.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Olga Slawnikowa schreibt einen barock ausufernden, durch sinnliche Überschärfe bestechenden Stil. Wie ihre Liebenden sich vom „frisch abgeblühten Mai, der wie Zigarettenpapier in den zu warmen Pfützen lag“, oder vom Geruch zarter Verwesung bezaubern lassen, wie vor allem die Natur des Nordural mit seinen schillernden Steinreliefs, weißen Nächten und plötzlichen Vegetationsschüben die zynischen Edelsteinsucher fast zu Tränen rührt und ihnen Geistererscheinungen zuteil werden lässt, die sich nur Auserwählten zeigen – das vergegenwärtigt eine an Wahrnehmungen überreiche Zeit, die sich dehnt wie ein Gummiband. Die „Chitniki“, wie die wilden Rubinschürfer heißen, sind moderne Jäger und Sammler, die es schaffen, der Kontrolle des Staates wie der Mafia zu entwischen.

          Im Gegensatz dazu steht der Olymp des Geldadels mit seiner durchgestylten Kunstwelt, den Slawnikowa schildert wie einen grotesken Film. Des Helden schöne Exgattin, die sich mit smarten Typen, Profischauspielern ihrer selbst, umgibt, revolutioniert das Begräbniswesen, indem sie ein Medienspektakel mit Sargparade, Sonderrabatten und einer Tombola daraus macht. Für sie ist dies das eigentliche Leben, das archaische Geschäft der illegalen Edelsteinsuche sollte man, so belehrt sie ihren Ehemaligen, dem internationalen Business unterwerfen. Doch die Riphäischen Berge verraten das tödliche Geheimnis ihres Reichtums. Die Rubinfundstätte ist verseucht mit Cyanid aus früherer Goldgewinnung, mit dessen – vorsätzlich schlampiger – Sicherung die Powerfrau einst ihre Unternehmerkarriere startete.

          „2017“ ist aber auch ein Zukunftsszenario, das in einem Land ohne Zukunft die immer fiebrigeren Formen der Vergangenheitsbeschwörung extrapoliert. In Slawnikowas Vision prangt auf dem Moskauer Lubjanka-Platz wieder das Bronzestandbild des Geheimdienstgründers Felix Dserschinski, wie es sich tatsächlich viele Angehörige der Staatssicherheitsbehörde wünschen. Im Namen der Stabilität herrscht im Kreml eine Putin-Kopie. Zugleich veranstaltet der militärhistorische Club – von der Autorin weitergedichtet aus der real existierenden militärhistorischen Gesellschaft des Kulturministers Wladimir Medinski, die das ganze Land mit patriotischen Geschichtsausstellungen überziehen will – Kostümparaden zarentreuer Weißgardisten. Dass die kostümierten Rotarmisten, die die Veranstaltung abrunden, keine Faschingssoldaten sind, merken die Sicherheitskräfte zu spät. Die beginnenden Tumulte folgen dann freilich einer komplizierten Schicksalschoreographie, die – mit einer Hommage an Michail Bulgakow, dessen programmierten Tod eines Funktionsträgers aus „Der Meister und Margarita“ Slawnikowa variierend inszeniert – dem, der nach Echtem fahndet, eine Chance geben.

          Weitere Themen

          So viele mittelmäßige Filme Video-Seite öffnen

          Halbzeit bei der Berlinale : So viele mittelmäßige Filme

          Der Wettbewerb der Berlinale kommt wie schon in den Jahren zuvor nicht so wirklich in Schwung. Zu viel Mittelmaß, zu wenig Neues, findet F.A.Z.-Redakteurin Verena Lueken. Im Video verrät sie, warum sich ein Besuch doch noch lohnt.

          Ein Film über das Massaker von Utøya Video-Seite öffnen

          Berlinale : Ein Film über das Massaker von Utøya

          Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat auf der Berlinale seinen Spielfilm „Utøya 22. juli“ vorgestellt. Er erzählt die Geschehnisse auf der norwegischen Insel, auf der der Rechtsextreme Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschießt.

          Topmeldungen

          Wichtiges Urteil erwartet : Ist mein Diesel bald wertlos?

          Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt darüber, ob Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge rechtmäßig sind. Seine Entscheidung könnte Signalwirkung für ganz Deutschland haben. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
          Qualität zählt: Mitarbeiter des Bio-Lieferdienstes Querbeet beim Verpacken der Ware.

          Nachhaltig führen : Faire Unternehmen – faire Chefs?

          Öko, bio, nachhaltig: Wer diese Ziele hat, will auch gut zu seinen Mitarbeitern sein. Aber genügen dafür Lauftreff und Theatergruppe? Zwei Beispiele aus dem Handel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.