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Veröffentlicht: 28.06.2013, 17:12 Uhr

Saskia Hennig von Lange: Alles, was draußen ist Stimme und Phänomen

Hier wird sich der Erzähler in einem kruden Museum seiner selbst gewahr. Dafür lässt Saskia Hennig von Lange sogar Innenohren sprechen.

von Friedmar Apel
© Verlag

Ein Mann erhält die Nachricht, dass er bald und unter fürchterlichen Schmerzen sterben wird. Er nimmt das ruhig hin und ändert äußerlich nichts an seinem Leben. Er bleibt drinnen wie zuvor, als hätten ihn die Worte seiner Mutter lebenslang gebannt. „Nein, du bleibst hier, bei mir, du gehst nicht nach draußen.“ Oben ist das Zimmer des Mannes, darunter befindet sich ein anatomisches Museum, das an die „Körperwelten“ des Gunther von Hagens erinnert, ganz unten aber lebt die „Untendrunterwohnerin“ mit den wippenden Löckchen.

Auch in diesem Drinnen ändert sich dinglich nichts, in der Spannung auf den Tod aber wird es nun zum Ort einer grundsätzlichen Erörterung der Sinnlichkeit. Der namenlose Ich-Erzähler in Saskia Hennig von Langes gedankenreicher Erzählung nimmt Abdrücke von seinen Körperteilen, um den Raum zu ermessen, der von ihm eingenommen wird, um sich zu vergewissern, „dass ich noch hier bin und nicht im Verschwinden begriffen“.

Schreiben als Selbstvergegenwärtigung

Im Gestalt gewordenen Blick fallen die Zeitmomente des Vorstellens, Erinnerung und Ahnung gegenwärtig in eins, Novalis zufolge das Wesen der Poesie. „Und ich dachte daran, was ich schon getan hatte mit meiner Hand und was ich noch tun würde, wozu sie mir noch dienen könnte, und was ich anrichten würde mit ihr, in der Welt.“

Entsprechend fällt die nun vom Präteritum ins Präsens wechselnde Erzählung mit der selbstbezüglichen Gegenwärtigkeit des Schreibakts als Selbstvergewisserung zusammen. „Ich habe es hingeschrieben, wie ich es gesehen habe. Und jetzt habe ich sogar das hier aufgeschrieben.“ Gleichzeitig erwachen die Präparate seines Museums zur Präsenz.

Die „Unbekannten aus der Seine“

Neben einer längs aufgeschnittenen Schwangeren mit ihrem Embryo, die der Mann seine „Schöne Beischläferin“ nennt, gehört ein Gipsabguss der Totenmaske Robespierres zu den Prunkstücken der Sammlung. „Hinter den geschlossenen Augen seiner Totenmaske kann ich Robespierre schauen sehen.“

An der Totenmaske der „Unbekannten aus der Seine“, die 1900 einer Selbstmörderin abgenommen wurde, faszinierte die Künstler seinerzeit das Fortbestehen der dem Tod entzogenen Schönheit des Augenblicks. Der Mann denkt sich, dass der Herausgeber eines Buches über Totenmasken empört gewesen sein muss „über die Dreistigkeit, mit der sie ihre Schönheit einfach genommen und verschwendet hatte, sie hinter sich warf und sie nicht mehr haben wollte, und es doch zuließ, dass ein anderer sie finden konnte und an sich nehmen und nach Hause tragen, sie dort zu betrachten“.

Ein Sammler im Angesicht des Todes

Das bedeutet, dass ein jedes Verlorenhaben ein Haben ist, und der Mann kann angesichts des Anhängers mit dem roten Stein, den die schöne Unbekannte trug, wie unwillkürlich ihre Hand sehen, „wie sie sich um ihn schloss und ihn herunterriss“, ja sogar hören, „wie die Kette zersprang“.

Der Erzähler interessiert sich erst angesichts seines bevorstehenden Todes wie ein passionierter Sammler für das Fortleben dessen, was vergangen und unrettbar verloren ist. So spricht der Mann mit seinen Präparaten, und es sind die nachklingenden Worte der Mutter, mit denen er sie sich innerlich aneignet. Er hat zahlreiche Innenohren gesammelt, die er wie der umstrittene Impresario der „Körperwelten“ plastiniert hat, als ob er darin die Spuren konservieren wollte, die das sinnliche Erleben in das Gedächtnis des Körpers einschreibt, „die Löcher und Gruben, die die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf hinterlassen hatte und die ich noch heute spüre“. Diese Spuren sind nicht zu sehen, und doch findet er in den erstarrten Dingen sich selbst und in den Erinnerungen sein Leben.

Die Sehnsucht nach Liebe

In seinem Kopf aber sitzt auch die Untendrunterwohnerin „und raschelt und tönt und geht nicht wieder hinaus“. Im irritierenden Kompositum zeigt ihre räumliche Situierung den tiefsitzenden Wunsch an, seinen Blick mit jemandem zu teilen. Mit ihr würde er zuerst die Schöne Beischläferin betrachten. „Sehen Sie sich das an, sehen Sie genau hin.“

Die Vorstellung erregt die Erinnerung an die Berührung seines Körpers, die er einst, kurz wohl nur, erfahren durfte, und an ein Kind, in dem er hätte weiterleben können, wäre es nicht abgetrieben worden, weil die Frau „ein solches Ding in ihrem Bauch“ nicht haben wollte, schon gar nicht von ihm. Seine Hoffnung, die Untendrunterwohnerin würde eines Tages leibhaftig vor seiner Tür stehen, beschränkt er schließlich auf die Vorstellung, dass sie wenigstens seine Leiche finden und seine Aufzeichnungen lesen würde, seinen „genauen Bericht über selbst beobachtete Phänomene“.

Mit ihrem Debüt ist der 1976 geborenen, in Frankfurt lebenden Kunsthistorikerin Saskia Hennig von Lange ein Kabinettstück gelungen. In raffinierter, gleichsam doppelt gespiegelter Vermittlung von Form und Gehalt wird die menschliche Fähigkeit, sich zu entäußern, um sich zu erkennen, im ruhigen Fluss der Sprache sinnlich fassbar. Mit leichtem Beiklang des Altmodischen zeigt die Erzählung eindringlich, dass die Literatur nach wie vor das vorzügliche Medium der Selbstreflexion des gebrechlichen Menschen ist.

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