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Sasha Marianna Salzmanns Roman : Dass ich Eins und doppelt bin

Spiegelungen, wohin man auch schaut: Der Taksim-Platz in Istanbul wird zum Ausgangspunkt einer inneren Reise in die eigene Geschichte. Bild: van Gennip/Hollandse Hoogte/laif

Die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann sprengt mit ihrem grandiosen Romandebüt „Außer sich“ die Grenzen von Ich und Welt – bis in die Sprache hinein.

          Es ist der Geschmack von fettigem Hähnchenfleisch, der Ali jedes Mal wieder aufstößt, sobald sie Grenzen überquert. Der Geschmack liegt dann, auch wenn sie nichts gegessen hat, schwer in ihrem Gaumen. Sie schmeckt es, als sie mit ihrem Vater zum ersten Mal seit der Ausreise der Familie Tschepanow aus Moskau zurück in die alte Heimat fährt. Und sie schmeckt es, als sie sich Jahre später auf den Weg nach Istanbul macht, um ihren verschollenen Zwillingsbruder Anton zu suchen. Die synästhetische Urzsene freilich ereignet sich, als Ali noch ein Kind ist und in den neunziger Jahren, als Panzer auf den Roten Platz rollen, zusammen mit ihrer jüdischen Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland übersiedelt.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Während dieser sechsunddreißigstündigen Ein- oder Ausreise, was davon abhing, „von wo aus man schaute“, wie es im Text heißt, isst Ali im stickigen Zugabteil tatsächlich von dem toten Vogel, der in Alupapier gewickelt vor ihr auf dem Tisch liegt. Doch schon bald darauf gelangt „das Hähnchenfett aus dem Magen wieder zurück in ihren Mund“, bis das Kind dem Onkel, der die Familie am Bahnsteig gerade erwartungsvoll in die Arme schließen will, das halbe Hähnchen schließlich auf die Schuhe erbricht.

          Verstörende Sinneseindrücke

          Alissa fällt auf den Boden, und Erfahrung und Erleben brauen sich in diesem Moment zu einer Übelkeit zusammen, die alles verschwimmen lässt: „Außerhalb ihres Kopfes verlief die Zeit schneller, es bewegten sich die Dinge in Blitzgeschwindigkeit, Schuhe, die wie Schlangen um sie schnappten, Ottern und riesige Insekten, die sie ansprangen, sie schrie auf und hatte das Gefühl, geschrumpft und in ein Bild gesteckt worden zu sein . . . Alles war Dschungel, alles war Farbe, alles machte ihr Angst, und sie wusste nicht, ob sie auf dem Boden lag oder in ein Loch gefallen war.“

          Alis verstörende Sinneseindrücke verleihen dem literarischen Debüt von Sasha Marianna Salzmann seine außergewöhnliche Kontur. Der Roman der 1985 in Wolgograd geborenen und in Moskau aufgewachsenen Autorin, die nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland zunächst als Dramatikerin hervorgetreten ist, setzt dabei auf kongeniale Weise um, was der Titel verspricht. „Außer sich“ erzählt von Entgrenzungen. Was die Hausautorin am Berliner Maxim-Gorki-Theater bereits in Stücken wie „Meteoriten“ oder „Ich, ein Anfang“ thematisch verhandelt hat, setzt sie in ihrer ausgefeilten Prosa fort: Ihre Fragen kreisen um Zugehörigkeit jenseits konventioneller Zuschreibungen wie Heimatland, Muttersprache oder Geschlecht. Was definiert uns? Was hält uns zusammen? Wie lässt sich geographische, soziale oder geschlechtliche Begrenzung aufbrechen? Wo verlaufen die Sollbruchstellen im menschlichen Bewusstsein?

          Ein Jahrhundert wird besichtigt

          Der Roman erstreckt sich über ein ganzes Jahrhundert und erzählt von vier Generationen einer Familie. Dabei pendelt er zwischen der Sowjetunion und dem Deutschland nach der Wende sowie der Türkei der Gegenwart hin und her. Doch er erzählt seine Geschichte nicht etwa als breit ausgemaltes Panorama, nicht als Schlachtengemälde. Die Autorin gewährt uns vielmehr in hochkondensierten Erinnerungsschleifen Einsichten in ein komplexes Gerfühlsdickicht, in dem bis hin zu der Frage, ob es die Zwillinge Anton und Allissa wirklich gibt oder es sich dabei um die Projektion eines einzelnen Ichs handelt, bald nichts mehr so ist, wie es scheint.

          Aus der jungen zeitgenössischen Literatur sticht der Roman deshalb heraus. Denn der Autorin gelingt es nicht nur, ganze Lebensgeschichten mit großer Leichthändigkeit zu umreißen. Da werden Verwandtschaften aufgefächert und wieder in Frage gestellt, Spannungen zwischen Generationen und Freunden veranschaulicht, da werden Mütter zu Töchtern und Frauen zu Männern. Mit der Erkundung dessen, was uns im Innersten zusammenhält, trifft die Autorin ein zeitgenössisches Gefühl. Denn was könnte der Kitt sein, wenn die Vertrautheit einer Region, die Zugehörigkeit zu einer Nation oder das Konstrukt Familie mit ihren jeweils eigenen Traumata, die sich durch die Generationen ziehen, es nicht mehr sind?

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