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Sascha Rehs Roman „Aurora“ : Die Drohnenschlacht ist abgesagt

Wenn der Frost die Ostseeinsel im Griff hat, wird es schwer, zu den Menschen durchzudringen: Windmühle auf Bornholm im Schnee. Bild: Colourbox.com

Sascha Reh erzählt in seinem Roman „Aurora“ eine bissige Weihnachtsgeschichte aus dem Schneesturm. Die Männer haben es in der Erzählung nicht gerade leicht.

          Man kann Eric und Ole wirklich keinen Vorwurf machen, jedenfalls nicht an diesem Punkt der Geschichte: Der Junge im Tarnanzug mit den knallroten Handschuhen hatte sich gesträubt, und der Journalist aus Kopenhagen, sozusagen auf Bewährung von seinem Chef zu Weihnachten auf die im Schneesturm versinkende Ostseeinsel Bornholm geschickt, hatte auch schon abgewunken. Dann ist Ole eben nicht mit dabei, wenn sich Eric mit dem Schützenpanzer nach Østermarie durchwühlt, wo eine Hochschwangere auf Hilfe wartet. Doch Magda aus der Einsatzzentrale des Notfallmanagements in Rønne duldet keinen Widerspruch: „Ich will, dass du diesen Mann mitnimmst“, sagt sie zum einen, er könne sonst gerne auch einen spannenden Bericht über ihren Weihnachtsbaum schreiben, sagt sie dem anderen. Also fahren sie los, der eine allein im Führerstand, der andere im Mannschaftsraum, hinaus in die Dämmerung, hinein in die Schneekatastrophe.

          Ein Zyniker mit Schnaps und ein Simpel mit Panzer, dazu eine Wetterlage, wie es sie auf Bornholm zu Weihnachten 2010 tatsächlich gab: Es ist eine griffige Konstellation, die der in Berlin lebende Schriftsteller Sascha Reh für seinen vierten Roman, „Aurora“, gewählt hat - sie bietet die Optionen Kammerspiel und Kampf gegen die Elemente, Gelegenheit zur Überforderung und Entblößung der Figuren und zu Wandlung oder Wachstum. Sascha Reh nutzt sie nach Kräften.

          Noch bevor sie auf einem der abgelegeneren Höfe die Hebamme Tamara an Bord genommen haben, hat es sich Ole schon mit Eric verdorben: hat ihm erzählt, dass er ein ranghoher Veteran sei, bei Basra beide Beine verloren habe und für Russland spioniere, ihn verhöhnt und, nachdem er Erics Wortwechsel mit der Leitstelle mitgehört hatte, gefragt, ob er „die Karre wirklich geklaut“ habe. Mit Tamara macht er gleich so weiter: starrt ihr auf den Pulli, spottet darüber, was sie auf die Insel verschlagen hat, über ihre Herkunft - „ach, eine Muslima, sieh mal an“ - und ihren Beruf. Sie wiederum spürt, „dass Ole mit aller Kraft um etwas gekämpft und schließlich verloren hatte“.

          Natürlich kämpfen alle drei um, mit oder für irgendetwas, während sich ihr Panzer durch den Schnee kämpft, bei allen geht es um ihren Platz in der Welt und - schließlich feiert man um sie herum im Warmen ein Familienfest - ums Elternsein oder Elternwerden: der eine um die Liebe eines Sohnes, dessen Stärke es nicht gerade ist, Emotionen zu zeigen, der andere für seinen Platz als werdender Vater und die Dritte mit der Aussichtslosigkeit, mit ihrem Mann ein eigenes Kind haben zu können. Der Journalist verfügt über die am weitesten entwickelte Fragetechnik, ihm wäre es zuzutrauen, die anderen im Gespräch so weit aus der Reserve zu locken, dass der Leser weit genug in sie hineinschauen könnte.

          Das reicht Sascha Reh nicht. Er hat sich für das Perspektivenspringen entschieden und schreibt im Wechsel aus der Sicht seiner drei Figuren. So kann er Eric bequem einen Rest Größe lassen, Ole eine Spur Einfühlungsvermögen und Tamara einen Schmerz, den sie auch dann Ole gegenüber nicht preisgibt, als der sie rhetorisch in die Enge treibt. So kann er jedem Einzelnen folgen, als sich der Panzer schließlich in einer Hochspannungsleitung verfängt, ein Schuss fällt, Ole von einer Schneelawine begraben wird und Eric sich allein auf den letzten Teil des Weges macht zu jenem Hof, auf dem nicht etwa eine Hochschwangere auf Rettung hofft, sondern die Frau lebt, die seit Mittsommer ein Kind von ihm erwartet und alle möglichen Leute zum Fest eingeladen hat, nur Eric nicht.

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