17.09.2010 · Man muss das letzte Jahrzehnt komplett verschlafen haben, um an diesem Roman Gefallen zu finden. Der Blogger Sascha Lobo schildert den Niedergang einer Agentur in der New-Economy-Blase, der ebenso verdient wie voraussehbar ist.
Von Uwe EbbinghausDer Zusammenhang zwischen Frisur und Literatur ist bisher noch nicht ausreichend untersucht worden - aus gutem Grund, denn in der Regel lässt sich aus der Haarpracht (oder auch deren Abwesenheit) wenig über die Güte eines Textes ableiten. Es ist nicht leicht, aus Haaren zu lesen. Auf das Cover eines Romans hat es bisher noch keine Autorenfrisur geschafft - jedenfalls nicht ohne den dazugehörigen Kopf. Mit dem Debütroman von Sascha Lobo hat sich das jetzt geändert.
Die Frisur dieses bekannten deutschen Bloggers und Twitterers, ein rotgefärbter Irokesenschnitt, ist auf dem Schutzumschlag nicht zu übersehen. So ist man bereits vor der Lektüre irritiert. Denn auf was soll die Haarpracht, die im Buch gar nicht vorkommt, eigentlich anderes verweisen als auf den Autor und sein Markenzeichen, das in Verbindung mit dem Titel „Strohfeuer“ dann allerdings einen - wohl unfreiwilligen - Subtext bekommt? Peinlicher noch: Das Coverbild entspricht in seiner blau-roten Farbgebung dem Twitter-Profil Lobos, als habe es sein Verlag mehr auf seine Zehntausende von „Followern“ als auf den Inhalt des Buchs abgesehen.
Klassenclown-Prosa
Dafür gibt es auch einen plausiblen Grund: Denn die Hoffnung auf gute Literatur erstirbt schon nach den ersten Seiten, auf denen so schwindelerregende Sätze fallen wie: „Sie schien in jedem Augenblick zu wissen, was wann wie und von wem zu tun sei.“ Schnell erweist sich der Autor als erschreckend unbelesen. Viele Motive der Handlung, in der es um den schnellen Niedergang einer Agentur in der New-Economy-Blase geht, sind nicht neu und etwa schon 2001 in Rainer Merkels Roman „Das Jahr der Wunder“ wesentlich gekonnter literarisch verarbeitet worden. Und satirische Passagen über den Business-Slang der letzten D-Mark-Tage hat man inzwischen wirklich zu oft gehört, um noch darüber schmunzeln zu können. Statt echter Erkenntnisanreize durch die Sprache oder den Plot gibt es am laufenden Band unbeantwortete Fragen der Hauptfigur an sich selbst: „Warum glaubte ich, ausgerechnet einem betrügerischen Windbeutel irgendetwas beweisen zu müssen?“ Ja, das fragt man sich.
In den schlechtesten Passagen setzt das Buch auf eine Klassenclown-Prosa, in der jede mögliche Pointe immer gleich reingerufen wird. Wenn es irgendwo von der Decke tropft, ist das gleich „Indoor-Regen“, was ja mal ganz lustig ist, aber ständig fallen, auch auf der distanzierten Erzähler-Ebene, viel zu große Bluffer-Begriffe wie „emotionale Apokalypse“ oder „olfaktorische Todesverachtung“, die mit Sentenzen wie „Aus dem Browserverlauf, aus dem Sinn“ oder „Thorsten lehnte das Konzept Entschuldigung ab“ angereichert werden. In den Dialogen herrscht eine Mischung aus oberflächlicher Verkäufersprache und „Pulp Fiction“-Nachgeplapper, das so schräge Wortwendungen wie „Wir haben eine Situation!“ und „Das sind fünf fucking Mios“ hervorbringt. Auch sprachlich wird hier auf Kredit getrickst.
Scheitern einer Pflaume unter Pflaumen
Mit gutem Willen kann man das Buch zumindest stellenweise als Dokument einer im Grunde subkulturellen Bewegung lesen, als die der Erzähler selbst - dies sein einzig erkennbarer analytischer Ansatz - die New Economy zum Schluss verstanden wissen will: als ästhetisches Phänomen, als Experiment. Diese Erkenntnis aber schlägt auf den Erzähler zurück, wenn er nach der Insolvenz seiner Firma völlig unreflektiert über die „erniedrigenden Telefonate mit den Menschen, denen wir Geld schuldeten“, klagt. Die New Economy Sascha Lobos verrät Züge einer Jugendbewegung in der Erwachsenenwelt, sie ist ein Sichaustoben von über Zwanzigjährigen, die das Credo „Sex, Rausch, Geschwindigkeit“ um den Faktor „Geld“ erweitern wollen und daher allen Ernstes Unternehmen gründen, ohne betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse zu besitzen.
Den Plot des Buchs kann man, da der Erzähler sich selbst zumindest ansatzweise als Bluffer decouvriert, überspitzt als Scheitern einer Pflaume unter Pflaumen bezeichnen. Von wo soll da ein Erkenntnisgewinn rühren? Über all das Geschilderte kann man nur dann staunen oder es als spannend empfinden, wenn man völlig ahnungslos durch die Welt tappt und das letzte Jahrzehnt komplett verschlafen hat.
Nachts auf gerader, freier Strecke
Es ist aber auch keine unterhaltsame Loser-Geschichte, dafür wird viel zu viel verteidigt. Und Spannung kommt schon deshalb nicht auf, weil man sehr bald merkt, dass den Hauptfiguren eigentlich nie etwas Schlimmes zustößt. Der Höhepunkt des Nervenkitzels ist nach den vielen protzigen Sexszenen an ungewöhnlichen Plätzen erreicht, als die Hauptfigur auf der Autobahn mit über zweihundert Sachen in einem Anflug von irgendetwas für einige Momente die Augen schließt - allerdings nachts und auf gerader, freier Strecke.
In seinen reflexiven Passagen erinnert das Buch an ein Bekenntnis oder ein Geständnis, das einen grundsätzlich sympathisierenden Rezipienten voraussetzt. Was aber, wenn der Leser schlauer ist als die nicht eben helle Hauptfigur? Der Erzähler, der sich immer wieder damit brüstet, ein Meister im Gesichterlesen zu sein, und gar sein Verkaufstalent auf diese Fähigkeit zurückführt, würde erschrecken, wenn er dem Leser in die Augen blicken müsste.