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Sarah Stricker: Fünf Kopeken : Er liebte sie, und das verzieh sie ihm nie

  • -Aktualisiert am

Bild: Eichborn

Alles über meine Mutter: Sarah Strickers fulminanter Debütroman „Fünf Kopeken“ erzählt von einer Frau unter falschen Männern und erzählt die Chronik einer engen Beziehung.

          Während Eltern gern meinen, in ihren Kindern lesen zu können wie in einem offenen Buch, behalten Mutter und Vater für die Kinder umgekehrt stets ein Geheimnis, einen Bereich, der ihnen verwehrt bleibt, weil er den Eltern allein gehört, als einem wie auch immer gearteten Paar, das sie vielleicht noch sind oder wenigstens momentan einmal gewesen sein müssen. Es ist kindlicher Instinkt, über diesen Bereich vieles, aber niemals alles wissen zu wollen - zu leicht könnte das die elterliche Schutzfunktion beschädigen, ja aufheben.

          Genau das geschieht in „Fünf Kopeken“, dem beeindruckenden Romandebüt von Sarah Stricker. Denn wie hier eine Tochter einer Mutter dabei hilft, alle Schranken fallen zu lassen, mag zwischenmenschlich belastend sein - literarisch aber ist es absolut überzeugend und mitreißend gelungen, und zwar vom ersten Satz an.

          Vertauschten Rollen von Eltern und Kind

          „Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.“ Der Ton, der hier angeschlagen wird, heiter, bissig, ironisch, wird, was die Geschichte der Familie Schneider und ihrer größeren und kleineren Tragödien angeht, mit leichter Hand durchgehalten, aber es ist dies keineswegs die einzige Tonlage, die die Autorin beherrscht. Die Tochter, die die dienende Rolle der Erzählerin dieses Lebens übernimmt, begegnet uns auf der zweiten Seite und mit ihr ein anderer, sachlich-liebevoller Zungenschlag: „Erst kurz vor Schluss, als sie sich schon nicht mehr allein aufrichten konnte und ich sie mit dem Löffel füttern musste, wurde sie mit einem Mal schön.“

          Denn erst jetzt, da die Mutter, kaum fünfzig Jahre alt, krebskrank im Sterben liegt und die Zukunft „zusammenschnurrte wie ein Planschbecken, wenn man am Ende des Sommers den Stöpsel zieht“, beschließt sie, mit der Geheimnistuerei Schluss zu machen und ihrer Tochter aus ihrem Leben zu erzählen, von Kindheit, Jugend und, vor allem, von ihrer großen Liebe. So wird „meine Mutter“ zur heranwachsenden Heldin einer Geschichte, in der die Tochter, die über weite Strecken selbst nie dabei war, die Rolle des erzählenden Souveräns einnimmt, passend zu den im Krankenhaus ohnehin vertauschten Rollen von Eltern und Kind.

          Klaustrophobie des Familienalltags

          „Meine Mutter“ - ihren Vornamen erfahren wir nicht, nur den Nachnamen: Schneider, passend zum Textilhandel der Familie - ist keine zweite Anna Karenina, doch es gibt Ähnlichkeiten. Die Mutter ist eine blasse Frau mit zusammengerupftem Pferdeschwanz, die mit ihrem Körper auf Kriegsfuß steht: „Die Drähte und Schläuche in ihrem Inneren, die sich unkontrolliert erhitzten, ihr das Blut in die Wangen trieben und aller Welt ihre Verlegenheit verrieten, all das schien ihr nur einem einzigen Zweck zu dienen: sie bloßzustellen.“

          Darum achtet sie peinlich auf Reinlichkeit, sucht alles Körperliche in Sterilität zu ersticken und verabscheut Raucher wie überhaupt jeden weniger hygienischen Menschen als sich selbst, was ihr Körperkontakt unheimlich macht und die Pubertät nicht eben erleichtert. Was ihr hingegen sehr leichtfällt, ist Lernen, denn sie ist hochintelligent - dass sich die Gehirnstärke indes nicht automatisch in lebenserleichternde Klugheit übersetzen lässt, muss sie erst noch erfahren.

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