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Samuel Becketts Briefe : Mut stinkt nicht

  • -Aktualisiert am

Samuel Beckett probt 1961 „Warten auf Godot“ im Pariser Théâtre de l’Odéon. Bild: Ullstein

Absurd und zart, unterhaltsam und hellwach: Der irische Schriftsteller Samuel Beckett fand in seinen Briefen zum eigensinnigen Ton seiner Werke. Jetzt kann man sie auch auf deutsch lesen.

          Beckett. Auch fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des irischen Autors wirkt der Name für viele wie in Grabsteingrau gehauen, verflochten mit Sartrescher Existenzphilosophie und tiefem Nihilismus, konnotiert mit ausgemergelten Landschaften und kargen Bühnen, deren Leere höchstens gebrochen wird von einem zynischen Wortspiel oder einem entrückten Requisit. Wer aber nur ein wenig in Samuel Becketts Dicht- und Denkwerk eintaucht, weiß: Die Molloys und Murphys, die Wladimirs und Estragons und Luckys der Beckett-Welt sind weit mehr als Zyniker, sind große Humanisten - und noch größere Humoristen.

          Zweifellos haben sie das von ihrem Schöpfer. Der gibt sich auch im zweiten Teil der auf vier Bände ausgelegten Briefauswahl höchst witzig und gesprächig. Und das, obwohl die Nachkriegszeit - der Band umfasst die Jahre von 1941 bis 1956 - zunächst kaum Glückliches für Beckett bereithält. Die Kriegszeit in der Résistance und versteckt auf dem Land verbracht, kommt er 1944 zurück nach Paris und findet die Stadt ganz verändert. Und wie die Herausgeber in ihrer Einführung darlegen, hat der Krieg auch ihn verändert, „auf eine Weise, die er selbst kaum thematisiert, die sich aber im Ton seiner Nachkriegsbriefe und in der Entscheidung für das Französische niederschlägt“.

          Im Beckett-Sound zwischen Absurdheit und Zartheit

          Der Sprachwechsel vom Englischen ins Französische hat die Klangfarbe von Becketts Schreiben deutlich umgefärbt. Der Ton ist gelassener, er gönnt sich öfter das schon immer lauernde Lyrische, verliert aber nie die Lust am Komischen und Melancholischen: „Auf, ins Bett. Um nicht zu schlafen. Um die Nacht zu hören, die Stille, die Einsamkeit und die Toten. Noch ein Glas. Mut stinkt nicht.“

          Beckett, bei der Komposition von Prosa und Drama immer unter Schreibhemmungen leidend („jeden Tag ein bißchen mehr Whiskey, Arbeit keine“), nutzt Briefe, um sich eine Literatur zu erfinden, die frei ist von Erzähl- und Beschreibungszwängen, die sich allein auf die Klangmusik der Sprache konzentriert, um dabei ins scheinbar Belanglose und Winzige abzudriften. Dabei treibt er auf einen Stil zu, der zum eigensinnigen Ton der Werke jener Zeit wird, dem ganz spezifischen Beckett-Sound zwischen Absurdheit und Zartheit, so wie in einem Brief von 1949, wenn er die Eindrücke eines Spaziergangs um sein winziges Landhaus in Ussy-sur-Marne mitteilt: „Eines Abends, als wir auf dem Rückweg nach Ussy waren, bei Sonnenuntergang, fanden wir uns plötzlich von Eintagsfliegen einer seltsamen Sorte eskortiert, ,Maifliegen‘, glaube ich. Sie bewegten sich alle in dieselbe Richtung, buchstäblich die Straße entlang, etwa mit der gleichen Geschwindigkeit wie wir. Das war kein Sonnentropismus, denn es ging südwärts. Schließlich begriff ich, daß sie alle zur Marne flogen, um von den Fischen gefressen zu werden, nachdem sie sich über dem Wasser geliebt hatten.“

          Becketts Kontrastierung von Anmut und Endlichkeit, Schönheit und Tod, die jeden seiner damaligen Texte sättigt, hat in jenen Briefen ihren Nährboden. In der fremden Sprache und in der nur dem Brief eigenen Mischung aus Nähe und Distanz schreibt Beckett sich frei, mit plötzlich ungekannter Produktivität. Schlag auf Schlag verfasst er die drei großen Romane „Molloy“, „Malone stirbt“ und „Der Namenlose“, einige Erzählungen sowie „Warten auf Godot“, den Zweiakter um die Eskapaden zweier Landstreicher, die sich wartend die Zeit vertreiben, eines der wichtigsten und wirkmächtigsten Dramen des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Unterhaltsam und hellwach

          In den Briefen umzirkelt Beckett nicht nur Ideen und Stile, nein, er scheint endgültig die Barriere zu durchbrechen zwischen dem Schreiben für seine Leserschaft und einem Schreiben für sich selbst. Zu jener Zeit, die er später als Phase der „Schreibwut“ bezeichnen wird, spricht Beckett von dem deprimierenden Gefühl, „immer für andere zu arbeiten und nie für Dich selbst“. Sein Ziel ist, nicht auf Ziel zu schreiben, sondern zu etwas vorzudringen, das einer tiefsten Introspektion am nächsten kommt, der „kleinen Welt“, wie sie sein früher Protagonist Murphy schon ersehnte.

          Beckett findet Erstaunliches: eine Sprache, die von Langeweile, Existenzmüdigkeit und Scheitern erzählt und dabei höchst unterhaltsam, hellwach und bemerkenswert gelungen klingt. In den Briefen findet er zum sicheren Umgang mit der eigenen Unsicherheit, der bestens passt zu seiner Literatur des „besseren Scheiterns“. Der Krieg, der persönliche Misserfolg - mehr als zwanzig Jahre lang hatte er erfolglos geschrieben - und die Rückschläge durch den Tod von Verwandten und Freunden führen bei Beckett zu einer Gelassenheit, die nur mit der Akzeptanz des Gescheitertseins einhergeht. Aus diesem Fundament sprießt seine ganz eigensinnige Literatur.

          Allein für die Sprache lohnt es sich, Becketts Briefe zu lesen. Die Lebensstationen des irischen Nobelpreisträgers sind auch in James Knowlsons akribischer Biographie nachzulesen, aber diesen Sound hat nur Beckett selbst - und der Übersetzer Chris Hirte, der Becketts irisches Englisch und sein englisches Französisch teuflisch brillant in ein Deutsch bringt, das dem Briefautor Freude gemacht hätte.

          Bloß keine Symbole!

          Wie jeder Korrespondenzband schürft auch dieser Amüsantes aus dem Autorenleben - was Beckett liest (zum Beispiel „Der Fänger im Roggen“), was er gern trinkt („eimerweise Beaujolais“), was er über einen Abend im Kulturbetrieb zu berichten hat („Matisse schön und gut, coça colà, dann ein Maler, der mir mit Sperma am Schwanz von Macakio erzählte“). Aber Korrespondenz ist für Beckett keine Mitteilungsgattung, sondern Reflexionsraum über Selbst und Schreiben. In einem Brief an seinen damals nächsten Vertrauten, George Duthuit, klagt er 1949, er könne nicht mehr „irgend etwas von Belang schreiben. Ich kann nicht mehr über etwas schreiben.“

          Daraus entwickelte sich für ihn die Notwendigkeit eines Theaters, „das auf seine eigenen Mittel reduziert ist, Wort und Spiel, ohne Malerei, ohne Musik, ohne Gefälligkeiten“. Er meinte auch ein Theater frei von Referenzrahmen („Symbole verabscheue ich“) und ohne simplen Realitätsbezug: „Bei Godot ist es ein Himmel, der nur dem Namen nach Himmel ist, ein Baum, bei dem man sich fragt, ob es überhaupt einer ist, klein und verkümmert. Ich sähe das gern, egal, wie es gemacht wird, so widerwärtig abstrakt, wie sich die Natur für die Estragons und Wladimirs darstellt, als schwitzigen, stinkigen Kalvarienberg, wo mal eine Rübe wächst, sich ein Graben auftut. Sonst nichts.“

          Doch gerade ein solches Theater stimuliert die Interpretationsdrüsen umso mehr, und Beckett musste mit bald fünfzig Jahren erstmals lernen, großer Resonanz auf seine Arbeit standzuhalten. Er verweigerte jeden öffentlichen Auftritt mit seinen Texten, lehnte jede Einladung zu Premieren in aller Welt ab. Beckett war Schreiber. Sonst nichts. Und wie es dem Autor des Scheiterns gelang, sich dem zeit- und zweckraubenden Erfolg zu entziehen? Durch die Instrumente, die er sich hart erschrieben hat, durch ebenjenen lakonisch-sarkastischen, aber sorgsam-lyrischen Ton, der ihm Distanz erlaubte und dabei viel mehr war als Sprachspielerei, nämlich eine ganze Weltsicht. 1953 bekommt Beckett Meldung vom Erfolg seines „Godot“ in Deutschland: „Eine Karte von Lucky aus Frankfurt gestern, er sagt, sie hatten 18 Vorhänge in Darmstadt! Muß eine verdarmt lustige Stadt sein.“

          Samuel Beckett: „Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß“. Briefe 1941-1956. Aus dem Englischen und Französischen von Chris Hirte. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014. 819 S., geb., 45,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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