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Buch über homosexuellen Araber : Dieses frappierende Unzugehörigkeitsgefühl

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Saleem Haddad lebt in London. Bild: laif

Saleem Haddads Roman „Guapa“ erzählt vom Schicksal eines Homosexuellen in der arabischen Welt. Rasa ist schwul, und in seinem Land stellt ihn das nur vor eine Alternative: verbergen oder Verlust der sozialen Existenz.

          Es ist heiß, die Straßen sind staubig und der Verkehr chaotisch. Die Elite wohnt in grünen Vorstadtvillen, die Masse in Slums. Es könnte sich um ein nur leicht verfremdetes Kairo handeln, aber auch um eine Zusammenfügung verschiedener arabischer Städte und Länder: Das Romandebüt „Guapa“ von Saleem Haddad erzählt von 24 Stunden im Leben eines jungen Arabers in einem unbenannt bleibenden Land, in dem eine Diktatur einen demokratischen Aufstand zurückgedrängt hat und ihre Führungsrolle mit dem Kampf gegen die Islamisten begründet. Diese wiederum drohen damit, „das gesamte Land brennen“ zu lassen, mit einzelnen Massakern fangen sie schon einmal an. Wer an den „arabischen Frühling“ 2011 und den diesem fast überall gefolgten „arabischen Herbst und Winter“ denkt, liegt gewiss nicht falsch.

          Coming-out nicht vorgesehen

          Rasa, der Protagonist des Romans, ist gebildet. Sein Vater war Arzt, seine Mutter Künstlerin, er selbst hat in Amerika studiert und schlägt sich nun in seiner Heimat als Übersetzer für ausländische Journalisten durch. Sein Unzugehörigkeitsgefühl und seine Zerrissenheit beruhen aber nicht nur auf dem Leben in verschiedenen kulturellen Welten. Sie beruhen auch auf seiner ganz persönlichen Identität. Rasa ist schwul, und in der Gesellschaft, in der er lebt, kann das nicht zu einem mehr oder weniger glücklichen Coming-out führen, sondern stellt ihn nur vor eine Alternative: verbergen oder Verlust der sozialen Existenz.

          Als der Roman beginnt, ist ein kleines Unglück bereits geschehen: Rasas Großmutter, bei der er lebt, und die ihn aufgezogen hat, hat ihn mit seinem Freund zusammen im Bett erwischt. „Eins ist sicher“, heißt es: „An dem Schlamassel, in dem Taymour und ich stecken, sind sie alle mitschuldig, weil die Gesellschaft nun mal aus allen besteht und weil es die dummen Regeln der Gesellschaft sind, die uns voneinander trennen.“ Man kann an den Faschismus, aber auch an die fünfziger Jahre in den westlichen Gesellschaften denken – Gore Vidals „The City and the Pillar“, vor allem aber James Baldwins Klassiker „Giovannis Zimmer“ drängen sich bei der Lektüre des Romans als Einflüsse auf. Und so wie bei Baldwin „shame“ ein Leitmotiv ist – das gesellschaftlich aufgezwungene Gefühl von Scham und Schande, das seine Protagonisten spüren oder das sie zurückweisen –, ist es bei Haddad immer wieder das arabische „eib“, das eine Handlung meint, mit der man sich oder andere beschämt, und das Leben des Protagonisten umfassend zu regieren scheint.

          In diesem Roman geht es um alles: um die politisch-religiösen Entwicklungen in Nordafrika und dem Nahen Osten, um die Diktaturen, die die arabische Welt beherrschen, um die extreme soziale Ungleichheit in diesen Ländern, um eine Oberschicht, die sich vor allem für Geld, Statussymbole und Bildung für die eigenen Kinder interessiert, und um die Islamisten, die das alles ausbeuten. Es geht aber eben auch um das Leben als homosexueller Mann in einer solchen Gesellschaft, in der ein korrupter Sicherheitsapparat Schwule zu Sündenböcken auserkoren hat, mit deren Unterdrückung die Herrschenden die eigene religiöse Moral zu beweisen suchen, während die Islamisten als ihre Hauptgegner Homosexuelle gleich ganz vom Erdboden vertilgen wollen. Der Titel „Guapa“, spanisch für „hübsch, gut aussehend“, bezieht sich auf eine von einer Lesbe betriebene Untergrundbar mit diesem Namen, in der sich der Protagonist betrinkt, mit seinem Geliebten tanzt und dem besten Freund in Drag-Shows zusieht.

          Politischer Roman oder Liebesgeschichte?

          Ist „Guapa“ also ein politischer Roman oder doch eine – den Umständen gemäß tragische – Liebesgeschichte? Während Rasa einen Tag lang seiner Großmutter auszuweichen versucht, während er mit einer amerikanischen Journalistin einen Islamistenführer besucht, dessen Sohn vermutlich gerade zu Tode gefoltert wird, während er seinen besten Freund Maj aus dem Gefängnis zu holen versucht, in das dieser nach einer Polizeirazzia in einem schwulen Kino geraten ist, während Rasa durch das Chaos dieser unbenannt bleibenden Stadt rast, und über eine Hochzeitsfeier in einem Luxushotel nachdenkt, zu der er am Abend eingeladen ist, kreisen seine Gedanken doch immer wieder um die vergangene Nacht mit Taymour, die mit der lautstarken Empörung der Großmutter endete, und was das alles für die Beziehung zu seinem Geliebten bedeutet, den er ebenso verzweifelt wie erfolglos zu erreichen versucht.

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