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Rushdies „Der Boden unter ihren Füßen“ Taube Ohren

Man merkt Salman Rushdies Roman „Der Boden unter ihren Füßen“ die Lust an, mit der sein Autor nach der isliamistischen Todesdrohung die große Bühne wieder betritt. Und man merkt ihm an, daß dieser Weltpop-Roman als Weltbestseller kalkuliert ist.

© Kindler Vergrößern

Der neue Roman von Salman Rushdie beginnt mit einem Erdbeben in Mexiko am 14. Februar, dem Valentinstag des Jahres 1989. An diesem Tag hatte der Ayatollah Chomeini die Fatwa mit der Todesandrohung gegen den Autor des Romans "Die Satanischen Verse" ausgesprochen. Inzwischen hat sich die iranische Regierung von diesem Mordaufruf distanziert, Rushdie ist aus seinen Verstecken in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Man merkt dem Roman die Lust an, mit der sein Autor die große Bühne wieder betritt. Und man merkt ihm an, daß er als Weltbestseller kalkuliert ist. Sein Stoff ist die Rockmusik seit den fünfziger Jahren und seine Grundidee die, daß in der Geschichte von Rock und Pop erstmalig die moderne, supranationale Weltkultur Gestalt annimmt, der gegenüber alle regionalen Traditionen sich künftig zu bewähren haben.

Rushdie stimmt die Internationale des Rock und Pop als Siegeshymne der profanen Welt an. Triumphierend legt er die Hits auf, die den religiösen Fundamentalisten in West und Ost zuwider sind. Er summt die Melodie von Satisfaction und Subversion und bastelt sich einen überdimensionalen Starschnitt zusammen. Von Kapitel zu Kapitel wächst das Poster einer imaginären Band namens "VTO". Der aus Bombay stammende Gitarrist und Komponist Ormus Cama träumt von einem totgeborenen Zwilling wie Elvis, hat die Songs von Dylan, der Beatles und Stones lange vor ihrem Erscheinen im Blut und stirbt wie John Lennon durch ein Attentat. Seine Partnerin, die Sängerin Vina Apsara, ist eine Collage aus Janis Joplin, Tina Turner und Madonna. In Amerika als Tochter einer Griechin und eines Inders geboren, gerät sie nach Bombay, hat dort ihre Schicksalsbegegnung mit Ormus und wird nach ihrem Tod Gegenstand eines weltweiten Trauerkultes wie Lady Diana.

Ein Weltbestseller, mag Rushdie gedacht haben, kann nicht nur an Popfreaks adressiert sein. Er muß mit den Grenzen zwischen den Kulturen auch die zwischen populärer Kultur und Hochkultur überwinden. Denn er konkurriert mit alteuropäisch-bildungsgesättigten Rivalen, wie Umberto Eco sie schreibt. Wie dieser die Mönche und Gelehrten des Mittelalters popularisierte, so klebt Rushdie umgekehrt seinen Breitwandstarschnitt auf ein Gerüst aus Gelehrsamkeit und erlesenen Anspielungen von Marsilio Ficino bis zu Musil, Joyce und Kafka. Das Motto des Romans entstammt Rilkes Sonetten an Orpheus, die Handlung ist dem Mythos von Orpheus und Eurydike nachgebildet.

Das Spiel mit der Mythologie gehört zu den Markenzeichen Rushdies. Hier hat es einen doppelten Sinn. Es setzt, mit gewohnt salopper Geste, die Bibliothek der polytheistischen Mythen gegen die Ansprüche der monotheistischen Religionen, gegen Judentum, Christentum und Islam: "Das sind Religionen für die Titelseiten, für CNN, aber nicht für mich." Und es schlägt die Brücke zwischen dem indischen Orpheus und dem Westen, der Stammheimat der Rockmusik.

Die anglophile Vätergeneration, allen voran Darius Cama, der Vater des kommenden Weltstars, wandelt auf den Spuren der vergleichenden Mythologie. Sie ist besessen von den Verbindungen zwischen griechischen, arischen und indischen Göttern, von den genealogischen Bindegliedern zwischen den Kulturen des Westens und Ostens. Die Kultband "VTO" schmilzt dieses Erbe mit musikalischen Mitteln in ihre Erfolgsstory ein, und damit dem Leser die Überblendung von alten Göttern und jungen Rockstars nicht entgeht, ist eine Figur des Romans damit beauftragt, zwischen Bibliothek und Pop, Westen und Osten zu vermitteln.

Diese Figur ist der Erzähler des Romans, der aus Bombay stammende Fotograf Rai. Die "Desorientierung", der Verlust des Ostens, ist sein Thema. Er trägt Züge seines Autors und ist wie dieser nie um eine Geschichte verlegen. Rushdie hat ihm allzu viel aufgebürdet, darunter eine eigene Liebesgeschichte mit der Rockdiva. Er ist zunächst zuständig für die autobiographische Schicht des Romans, für den verklärenden Rückblick auf das Bombay der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre. Hier, in der Welt der "Mitternachtskinder", gelingen ihm die eindrücklichsten Szenen des Buches. Er ist zweitens Pressesprecher der Rock-Götter in der Hall of Fame. Er begleitet die Helden von Bombay über London bis nach Amerika und läßt keine Anekdote, kein Klischee und keinen Hit aus. Zur imaginären Kultband kommt das imaginäre Rocklexikon. Es erzählt von Londoner Piratensendern und Managern, von legendären Studioszenen, Skandalen und Drogenexzessen, vom polymorphen Sex und von einer Nymphomanin, in der sich alle Groupie-Energien verdichten. Der indische Rock-Orpheus überlebt seinen Unfalltod, aus dem Koma zurückgerufen durch die Stimme der neuen Eurydike.

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