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Veröffentlicht: 09.06.2009, 13:29 Uhr

Rudolf Kreis: Die Toten sind immer die anderen Partisan eines Anliegens

Wer die Deutschen verstehen will, der lese diese Lebenserinnerungen: Denn Rudolf Kreis, Jahrgang 1926, gehört zu jener Generation von Zeitzeugen, der die Phasen sowohl der Verblendung als auch der Umkehr in die Biografie eingeschrieben wurden.

von Jan Assmann
© Landtverlag

Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung“, darin waren sich Günter Grass und Martin Walser bei ihrem „Dichtergipfel“ im Sommer 2007 einig. Es geht um den Jahrgang derer, die ihre bewusste Kindheit im Dritten Reich verbracht hatten und in der allerletzten Phase des Krieges, halbe Kinder noch, in das mörderische Geschehen verstrickt wurden. Diese jahrgenaue Prägung haben nur die Geburtsjahrgänge um 1927 erfahren, die anderen waren entweder zu alt, um noch direkt aus der Kindheit heraus in den „Ernstfall“ zu geraten, oder zu jung, um überhaupt noch eingezogen zu werden. Diese Generation hat das intellektuelle Profil der Bundesrepublik geprägt.

Alle Erinnerungen von Zeitzeugen der NS-Zeit sind kostbar, aber ganz besonders gilt das für diesen Jahrgang, dem die Phasen sowohl der Verblendung als auch der Umkehr so passgenau in die eigene intellektuelle Biographie eingeschrieben wurden. Rudolf Kreis, Jahrgang 1926, ist in der Intensität seiner frühen Verstrickung und in der Radikalität seiner Abkehr und Umkehr ein typischer Vertreter der „45er“. In Neuwied am Rhein in teils weinbäuerlichem, teils kleinbürgerlichem und streng katholischem Milieu aufgewachsen, trat er im Frühjahr 1936 der Hitlerjugend bei und meldete sich mit sechzehn – traumatisiert von der Ermordung seiner Mutter im Rahmen des Euthanasie-Programms – zur Panzerdivision „Hitlerjugend“, die dann in die Waffen-SS eingegliedert, in die Abwehrschlacht in der Normandie geworfen und bis auf wenige Überlebende vernichtet wurde. Kreis überlebt und wird jüngster „Junker“ der Waffen-SS. Nach Krieg und Gefangenschaft holt er das Abitur nach, stürzt sich in die Bücher – Nietzsche, Goethe, Hölderlin, Heine, Kafka – und vollzieht mit ihnen eine radikale Umkehr. Jetzt schlägt der Verblendungsroman um in den Bildungsroman, in dessen Gleisen eine solche Jugend unter normalen Umständen schon seit Jahren verlaufen wäre. Kreis durchlebt in seiner Biographie die Phasen der deutschen Geschichte zwischen 1926 und 2000 in der unvermischten Intensität eines Laborversuchs. Er hat einfach alles mit besonderer Hingabe mitgemacht: die Hitlerjugend, den Krieg, die Nachkriegszeit mit ihrem leidenschaftlichen intellektuellen Nachholbedarf und ihrem Pathos der Abkehr „vom gläubigen Vorwärtsblick auf die Geschichte zur Erde, der allversöhnenden“ (Hölderlin), um sich dann aber 1968, nun schon als Gymnasiallehrer, wiederum mit Haut und Haaren der Sache der Jugendrevolte zu verschreiben. Es ist einfach so eminent typisch, was dem Helden dieser „Lebenserzählung“ widerfährt. Wer die Deutschen verstehen will, der lese dieses Buch.

Trauma der Kindheit

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