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Roman „Stadt ohne Gott“ : Du musst dich entscheiden

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Äußere und innere Krisen verschränken sich in Rainer Merkels neuem Roman: Straßenszene in Beirut. Bild: AFP

Wem Liebe zu unbeschwert klingt: Rainer Merkel wählt den Libanon als Schauplatz seiner höchst vertrackten Beziehungsgeschichte „Stadt ohne Gott“.

          Das Unglück der anderen“ lässt den Schriftsteller Rainer Merkel nicht kalt. Unter diesem und einem weiteren Buchtitel hat er 2012 und 2014 aus Afghanistan, dem Kosovo und vor allem Liberia berichtet, wo er für Cap Anamur am Aufbau eines psychiatrischen Krankenhauses beteiligt war. Auch in seinen inzwischen fünf Romanen behandelt er aktuelle Stoffe. Sein Ziel als Autor sei, heißt es in einem Interview, dass man „mit erzählerischen Mitteln in die Wirklichkeit hineinarbeitet“ und dabei Bescheidenheit und Demut gegenüber dem Material bewahrt. Das gilt jetzt auch für „Stadt ohne Gott“, den neuesten Roman über eine sehr schwierige Liebe in Beirut im Schatten des Syrien-Krieges.

          Die glücklose Affäre des Journalisten Kai Hermann im umkämpften Beirut der siebziger Jahre in Nicolas Borns „Die Fälschung“ ist bei der Lektüre von Merkels Roman kaum auszublenden. Anders als Born kennt sich Merkel, nicht zuletzt durch enge persönliche Bindungen, im mittlerweile befriedeten Paris des Ostens aber bestens aus. Auch bei ihm sind äußere und innere Krisen eng ineinander verschränkt und aus mehreren personalen Erzählperspektiven mit komplexen Erinnerungssequenzen verflochten.

          Fast alle Charaktere sind ziemlich kompliziert

          Im Zentrum des handlungsarmen, aber reflexionsreichen Geschehens stehen drei junge Figuren. Die Deutsche Rosie Solbakken ist ohne besonders konkrete Ziele aus Paris in den Libanon gereist. Sie ist erstens auf der Suche nach sich selbst und zweitens – eher unentschlossen – nach Thierry, einem verdeckt im syrischen Kriegsgebiet operierenden Reporter, aus dessen Tagebuch sie viele Passagen preisgibt. Um Rosie bemühen sich der Libanese Rafik, ein angehender Modemacher aus einem schiitischen Dorf, der jedoch eher Männern zugetan ist. Und Daoud, ein syrischer Flüchtling und Jurastudent aus einer christlichen Familie in Aleppo. Sein Onkel wurde als Dichter inhaftiert und gefoltert, der Bruder erkrankte tödlich und die Mutter, eine Orthopädin, bleibt seine wichtigste Vertraute.

          Rainer Merkel: „Stadt ohne Gott“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018. 346 S., geb., 21,– €.
          Rainer Merkel: „Stadt ohne Gott“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018. 346 S., geb., 21,– €. : Bild: S. Fischer Verlag

          Zwischen diesen drei Figuren und einigen Freunden in den Nebenrollen, wollen klare, offene, gelingende Beziehungen nicht recht entstehen. Fast alle Charaktere sind ziemlich kompliziert und verstockt, agieren indirekt und planlos. „Suchende“, problematische Individuen gelten seit Georg Lukács’ Romantheorie zwar literarisch als besonders anspruchsvoll, fraglich ist aber, ob der Berufspsychologe Merkel Schwierigkeiten hier nicht allzu bemüht konstruiert. Rosie, die Tochter einer Therapeutin, behauptet, von Männern keine Ahnung zu haben, ihr früheres Verhältnis zu Thierry bleibt indes unklar. Sie verliebt sich auf höchst ungelenke Weise in Daoud, der von Frauen ganz sicher keine Ahnung hat oder haben darf. Ständig versichert er sich in (oft gar nicht abgesandten) Mails bei seiner Mutter, die Frauen für eine Gefahr und Beirut für eine „Stadt ohne Gott“, eine Stadt der Verlorenen hält. Daoud schreibt ihr stets nur indirekt über seinen Freund „Ralph“, bis die Mutter einen Traum „entschlüsselt“ und hinter „Ralph“ Rosie entdeckt.

          Rosie schreibt so charmante Nachrichten wie: „Du musst dich entscheiden, ob du überhaupt noch lebst und nicht schon tot bist. Wenn du das weißt, sag Bescheid.“ Sie schlägt Daoud nach einem selbst provozierten Kuss unvermittelt ins Gesicht und verschwindet dann ebenso plötzlich. Der aus Dänemark herbeigeeilte Vater, Autor sozialkritischer Thriller und Liebhaber chinesischer Prostituierter, setzt eine Belohnung für die Wiederauffindung seiner Tochter aus. Ihre seltsame Ergreifung durch einige dunkle Gestalten am Ende des Romans mag damit in Zusammenhang stehen.

          Das Wort „Liebe“ klingt zu unbeschwert

          Schwierige Menschen gibt es überall, und natürlich sind sie in der Literatur viel interessanter als der farblose Durchschnitt. In Merkels Roman machen es sich die Schwierigen aber nicht nur untereinander unnötig schwer, sondern wollen ihre Innenperspektiven auch den Lesern nicht sonderlich schlüssig eröffnen. Die psychologischen Rätsel sind dabei anstrengender als die der literarischen Formen. Denn durchaus raffiniert ist die zeitliche Verschachtelung von nur vier Tagen zwischen dem 30. August und dem 10. September 2015 und deren rückblickender Reflexion in Berlin zwischen dem 22. Januar und dem 23. März 2017, wo Daoud weiter nach Rosie sucht und schließlich seine Mutter empfängt.

          Einzelne Schlüsselszenen wie das Leid eines epileptischen Kindes in einer geheimen Flüchtlingsunterkunft in der Bekaa-Ebene östlich von Beirut, eine Dialog-Nacht im Hotel Palmyra in Baalbek – wenige Tage nach der Sprengung des Baaltempels im antiken Palmyra durch den IS – oder die Tötung eines großen Insekts an der Frontscheibe eines Autos werden wieder und wieder erinnernd aufgegriffen und durchdacht. Sie bilden Katalysatoren für jene geheimnisvolle Verbindung zwischen Rosie und Daoud, für die das Wort „Liebe“ etwas zu unbeschwert klingt. Von jenem Nebel, der die beiden in den Bergen des Libanons einmal an der Weiterfahrt hindert, ist die Szenerie zuweilen auch im übertragenen Sinne erfüllt.

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