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Roman „Die Maske“ : Mit dem Gesicht eines Toten

Plakat im Kabukicho-Distrikt in Tokyo. Bild: Prisma Bildagentur

Einem Fluch entkommt man nicht: Der Japaner Fuminori Nakamura erzählt in seinem klaustrophobischen Roman von einem Monster wider Willen.

          Als „chotto chen“, ein bisschen verrückt, beschreiben ihn seine Landsleute. Dabei trägt der 1977 geborene Fuminori Nakamura durchaus seinen Teil dazu bei, dass dieses düstere Bild von ihm, der sich gern schwarz kleidet, fortgeschrieben wird: Denn auch er bezeichnet sich in Interviews gern als dunkle Persönlichkeit, und eine allumfassende Düsternis ist es auch, die seinen neuen, jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Kriminalroman am ehesten beschreibt.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es sind die Verlorenen aus Tokios Unterwelt, die Fuminori Nakamura da ans Tageslicht bringt. Helden oder Heldinnen sind in dieser archaisch anmutenden Familientragödie um den kriminellen Kuki-Clan partout nicht auszumachen. Es kommt sogar schlimmer, denn auch die Opfer, hier vor allem Fumihiro Kuki, Ich-Erzähler und jüngster Sohn des Patriarchen des Clans, werden zu Tätern. Fumihiro wird zum Täter wider Willen, weil es für ihn nur zwei Auswege gibt, und beide führen in die Katastrophe.

          Fumihiro ist elf Jahre alt und trägt sein Spielzeugauto noch immer mit sich, als sein Vater ihn eines Tages zu sich ins Arbeitszimmer ruft. Er habe ihn nur aus einem einzigen Grund gezeugt, offenbart ihm der Alte: um ein Geschwür in die Welt zu setzen. „Unter meiner Obhut wirst du zu diesem Geschwür heranwachsen. Ein Stachel des Bösen, sozusagen“, eröffnet er ihm. Das ist die Last, mit der das Kind von nun an leben muss. Und man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass Fumihiro den Alten umbringen wird, um dem Fluch zu entkommen.

          Die Maske“. Roman.

Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg.

Diogenes Verlag, Zürich 2018. 352 S., geb., 24 Euro.

          Aber wie das so ist mit Flüchen, man entkommt ihnen nie ganz, weshalb auch Fumihiros weitere Existenz unter dem Schatten des Vaters steht, ob er nun lebt oder nicht. Die Tat begangen hat der Sohn dabei nicht etwa, um sich selbst zu schützen, sondern um seine Adoptivschwester zu retten, an der sich Shozo vergreifen wollte. Fumihiro ist besessen von Kaori und sie nicht weniger von ihm, doch ihre Wege trennen sich, der Vatermord steht zwischen ihnen. Da entschließt sich Fumihiro als junger Mann, eine neue Identität anzunehmen, um Kaori auch weiterhin nah sein zu können. Von einem plastischen Chirurgen lässt er sich das Gesicht eines Fremden transplantieren – es ist das Gesicht eines Toten.

          „Die Maske“ heißt Fuminori Nakamuras Romanparabel auf ein albtraumartiges Japan, in dem, so ist dies wohl zu verstehen, niemand der sein darf, der er sein möchte, weil er stets und immerzu genötigt wird, eine Maske zu tragen. Aus dem sanftmütigen Fumihiro wird die Personifizierung des Bösen, ein Monster wider Willen. Fuminori Nakamura scheut dabei in seiner Erzählung die großen Sujets nicht. Es geht um Gut und Böse, um Schuld und Schuldgefühle, um Liebe, Verbrechen, Einsamkeit und das Leben als Außenseiter. Obskure Detektive treten auf, und man trifft sich in verrauchten Nachtlokalen.

          Dass dies nicht in Kitsch abgleitet, liegt vor allem an der minimalistischen Sprache von Fuminori Nakamura. Ganz sparsam und mit Bedacht wählt er seine Worte, die eine klaustrophobische Stimmung erzeugen, die bald alles ergreift. Dass der Kuki-Clan sich mit einer Terroristengruppe verbündet hat, die Anschläge verübt, um dann am Wiederaufbau kräftig zu verdienen, ist eine weitere Ebene des Krimis. Bisweilen kommt das alles so bizarr daher, dass man sich fragt, ob das nicht alles vom Ich-Erzähler halluziniert wird. Doch man muss gar nicht in die Zukunft blicken, um diesen Typus Verbrechen zu entdecken. Auch in unserer Gegenwart werden an Börsen Wetten abgeschlossen auf den Untergang von ganzen Gesellschaften.

          Obskure Detektive und verrauchte Nachtlokale

          In Japan wird Fuminori Nakamura als neuer Meister des Noir japonais gefeiert. Er studierte zunächst Öffentliche Verwaltung, ehe er sich dem Schreiben zuwandte, wurde schon für seinen ersten Roman ausgezeichnet. 2005 folgte unter anderen der renommierte Akutagawa-Preis. Dass er auch im Westen bekannt wurde, verdankt er einem berühmten Förderer, dem japanischen Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe. Mehr als zehn Romane hat Fuminori Nakamura inzwischen geschrieben. Nach „Der Dieb“ ist „Die Maske“ sein zweites, in der geschmeidigen Übersetzung von Thomas Eggenberg auf Deutsch übersetztes Buch.

          Der Thriller hat eine mal mitreißende, mal verstörende Handlung, die zu den dunkelsten Orten der japanischen Gegenwart vordringt. Dabei porträtiert Nakamura die verlorenen, ausgeschlossenen Menschen einer Gesellschaft, die von Kriminellen ausgehungert wird. Nicht zuletzt aber erzählt „Die Maske“ eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Auch sie wird am Ende so rätselhaft und labyrinthisch bleiben wie der ganze Roman.

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