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Veröffentlicht: 10.03.2017, 11:32 Uhr

Debütroman von Juliana Kálnay Wie viel Leben passt durch ein Schlüsselloch?

Ein Buch wie eine Wunderkugel: Juliana Kálnays Debüt „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ verwebt Miniaturen zu einem unwiderstehlichen Roman.

von
© Denise Sterr Die Autorin Juliana Kálnay.

Im Grunde ist das Leben in einer Wohnung ein Tanz auf den Köpfen von Geistern. Man meint zwar immer, gerade der einzige Bewohner oder gar Besitzer zu sein, aber in Wahrheit ist man ständig umgeben von Vorgängern und Vorgängen aus früherer Zeit. Denn die Wände und Böden, die Fenster und Türen kennen kein Vergessen. An ihnen haftet die Erinnerung an Liebesnächte und Selbstmordversuche, sie waren dabei, als entscheidende Anrufe kamen und letzte Worte gewechselt wurden. Wer in einer Wohnung lebt, lebt immer in einem Erinnerungsort, in einem Geschichtsraum, dessen Erzählern nie der Stoff ausgeht. Und wenn schon eine Wohnung so viel bietet, was hat dann erst ein ganzes Haus zu sagen? Wie viele Stimmen lassen sich aufnehmen, wie viele Lebensläufe nachzeichnen, wenn man an den Mauern nicht haltmacht, sondern durch sie hindurchsieht, von Etage zu Etage gleitet und sich ein Schrank nach dem anderen öffnet.

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Juliana Kálnay, 1988 geboren, wohnhaft in Kiel (ausnahmsweise einmal nicht Berlin!), hat sich in ihrem Debütroman „Eine kurze Chronik des Verschwindens“ freigemacht von den Gesetzen der narrativen Schwerkraft und ist als freischwebende Beobachterin durch die Stockwerke eines Hauses gezogen, über das sie nicht mehr preisgibt als die Hausnummer: 29. Wann und wo es stand, wie es gebaut war, wird nicht verraten. Sein Äußeres bleibt im Dunkel, aber dafür strahlt die Innenwelt dieses Gebäudes umso heller: Ungewöhnliche Menschen leben hier, von allen Zeit- und Sachzwängen befreit.

45046924 © Verlag Klaus Wagenbach Vergrößern Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“. Roman. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2017. 192 S., geb., 20,- €.

Keiner scheint arbeiten zu müssen, alle dürfen sich gegenseitig ihr Leben vorspielen. Rita mit den klarblauen Augen wohnt am längsten im Haus. Auf ihrem Balkon sitzt sie in einem alten Korbstuhl und strickt und schaut auf die Straße. Wenn es schneit, steht sie am Fenster und lugt zwischen den Gardinen hervor. Das Haus trägt sie wie eine Schnecke auf ihrem Rücken, sie merkt, wie sich die Räume zusammenziehen mit der Kälte, spürt, wie das Haus atmet. „Es gibt Menschen, die sind ihr Haus, und es gibt Menschen, die wohnen nur darin“ - Rita ist ihr Haus. Aber die Untermieter im Souterrain, die man nie sieht, nie hört, wenn sie abends ausgehen, mit leisem Schritt und im Flüsterton, die wohnen nur hier. Die kennt niemand, außer dem Kurierboten.

Aus Liebe zu einem Baum

Die Kinder dagegen kennt jeder im Haus. Wenn sie unten vor dem Kellereingang auf einer Grillpfanne ihre Fundstücke der letzten Woche verbrennen -, Nacktschnecken, Fotofilme und Lavendel -, zieht der Geruch durchs ganze Treppenhaus. Und Tom, der schnauzbärtige Mann, der im Fahrstuhl lebt, sich dort richtig eingerichtet hat mit Sessel und Gummibaum, der seine Spiegeleier auf einem Campingkocher im vierten Stock brät, den kennt auch jeder. Zum Pinkeln und Duschen darf er das Bad bei den Rolmars im ersten Stock benutzen, auch wenn die „chronisch Schlaflosen“, die nachts im Haus in wollweichen Socken auf Geräusche und Lärm lauern, sich darüber beschwert haben. Aber die wollen ja auch gesehen haben, wie Lina aus dem dritten sich nachts auf dem Balkon an ihren Baum geschmiegt habe und dabei sang.

Linas Baum war früher Linas Mann. Aber irgendwann waren seine Fußnägel grün geworden und aus seinen Zehen Wurzeln geschlagen. In seinen Gummistiefeln war bald nicht mehr genug Platz, und Lina musste ihn in einen wannengroßen Topf verpflanzen. Jetzt brüten Rotkehlchen in seinen Achselhöhlen, und Früchte wachsen aus seinem Arm.

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Und doch spricht das Paar noch miteinander wie früher. Nachts, auf dem Balkonboden, wenn niemand zuschaut, legt Lina sogar ihren Arm um den Stamm, zieht den Rock hoch und vergräbt ihr Gesicht in der Borke. So fein, so verschwommen beschreibt Juliana Kálnay diese Baumsex-Szene, dass man ihren Sätzen immer weiter folgen will, sich ganz hineinziehen lässt in den Sog ihres fantastischen Realismus. Für ihr erstes Buch hat diese junge Autorin eine sehr eigene Form gefunden: Es gibt keinen großen Handlungszusammenhang, die Plotstränge hängen lose an allen Ecken und Enden herab - die Suggestion wird hier allein durch winzige Bilder erzeugt. Kálnay erzählt in Vignetten, könnte man sagen. Schreibt gerade so viel, wie man beim hastigen Blick durch ein Schlüsselloch vom Leben erfassen kann.

Mut zu Phantasie

Nur zwei, drei Seiten lang sind diese Vignetten jeweils, aber mit einer besonderen Montagetechnik so zueinandergestellt, dass sich ein Stimmungsmoment überträgt. Der Geruch in den Fluren, der Staub auf den Böden, das verlöschende Licht - immer wieder tauchen dieselben schlichten Beschreibungsformeln auf und verweisen auf jene „Spuren von Anwesenheit“, nach denen Kálnay fahndet.

Wie sie hineinhorcht in die Flure und Zimmer, wie sie erzählt, was sich abspielt auf den „knarzenden Stufen“ und hinter den „rostfarbenen Türen“ dieses geheimnisvollen Hauses mit der Nummer 29, das ist durch die feine Achtsamkeit ihrer Beschreibung sehr berührend. Mit Mut zur Phantasie und dichter romantischer Beschreibung skizziert Kálnay die Biographien der Hausbewohner, ohne je mehr über sie preiszugeben als nötig. Immer wieder werden die erzählerischen Partien variiert von hastig eingeworfenen, schnell wieder abbrechenden Zwiegesprächen der Mieter. Auf diese Weise entsteht ein Roman wie eine Wunderkugel: Mit jeder Seite, die man umblättert, verschwimmt die Szene kurz und setzt sich aufs Neue zusammen.

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Am Ende dieser „kurzen Chronik des allmählichen Verschwindens“ geht dann freilich alles in die Brüche: Erst stürzt Linas Balkon mitsamt dem Baum in die Tiefe, dann löst sich vom Treppengeländer ein Stück Handlauf, und schließlich liegt Rita, der das Haus tief in den Knochen steckt, auf dem Sterbebett. Wegen eines glimmenden Zigarettenstummels im vierten Stock brennt jetzt bald alles lichterloh, und die Erzählerin läuft hastig, ohne den Blick noch einmal zu wenden, fort in die Ferne. Zurück bleiben ein verkohlter Dachstuhl und ein paar vergilbte Fotos. Aber später, „in einer anderen Stadt“, denkt sie noch einmal zurück an das Gefühl, den Geruch, die Geräusche aus diesem Haus mit der Nummer 29. Und beginnt zu erzählen: Mit ruhigem Ton und wenig Worten. Und entwickelt dabei eine ganz eigene sinnliche Raumtheorie.

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