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Debütroman von Juliana Kálnay : Wie viel Leben passt durch ein Schlüsselloch?

Die Autorin Juliana Kálnay. Bild: Denise Sterr

Ein Buch wie eine Wunderkugel: Juliana Kálnays Debüt „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ verwebt Miniaturen zu einem unwiderstehlichen Roman.

          Im Grunde ist das Leben in einer Wohnung ein Tanz auf den Köpfen von Geistern. Man meint zwar immer, gerade der einzige Bewohner oder gar Besitzer zu sein, aber in Wahrheit ist man ständig umgeben von Vorgängern und Vorgängen aus früherer Zeit. Denn die Wände und Böden, die Fenster und Türen kennen kein Vergessen. An ihnen haftet die Erinnerung an Liebesnächte und Selbstmordversuche, sie waren dabei, als entscheidende Anrufe kamen und letzte Worte gewechselt wurden. Wer in einer Wohnung lebt, lebt immer in einem Erinnerungsort, in einem Geschichtsraum, dessen Erzählern nie der Stoff ausgeht. Und wenn schon eine Wohnung so viel bietet, was hat dann erst ein ganzes Haus zu sagen? Wie viele Stimmen lassen sich aufnehmen, wie viele Lebensläufe nachzeichnen, wenn man an den Mauern nicht haltmacht, sondern durch sie hindurchsieht, von Etage zu Etage gleitet und sich ein Schrank nach dem anderen öffnet.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Juliana Kálnay, 1988 geboren, wohnhaft in Kiel (ausnahmsweise einmal nicht Berlin!), hat sich in ihrem Debütroman „Eine kurze Chronik des Verschwindens“ freigemacht von den Gesetzen der narrativen Schwerkraft und ist als freischwebende Beobachterin durch die Stockwerke eines Hauses gezogen, über das sie nicht mehr preisgibt als die Hausnummer: 29. Wann und wo es stand, wie es gebaut war, wird nicht verraten. Sein Äußeres bleibt im Dunkel, aber dafür strahlt die Innenwelt dieses Gebäudes umso heller: Ungewöhnliche Menschen leben hier, von allen Zeit- und Sachzwängen befreit.

          Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“. Roman. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2017. 192 S., geb., 20,- €.
          Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“. Roman. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2017. 192 S., geb., 20,- €. : Bild: Verlag Klaus Wagenbach

          Keiner scheint arbeiten zu müssen, alle dürfen sich gegenseitig ihr Leben vorspielen. Rita mit den klarblauen Augen wohnt am längsten im Haus. Auf ihrem Balkon sitzt sie in einem alten Korbstuhl und strickt und schaut auf die Straße. Wenn es schneit, steht sie am Fenster und lugt zwischen den Gardinen hervor. Das Haus trägt sie wie eine Schnecke auf ihrem Rücken, sie merkt, wie sich die Räume zusammenziehen mit der Kälte, spürt, wie das Haus atmet. „Es gibt Menschen, die sind ihr Haus, und es gibt Menschen, die wohnen nur darin“ - Rita ist ihr Haus. Aber die Untermieter im Souterrain, die man nie sieht, nie hört, wenn sie abends ausgehen, mit leisem Schritt und im Flüsterton, die wohnen nur hier. Die kennt niemand, außer dem Kurierboten.

          Aus Liebe zu einem Baum

          Die Kinder dagegen kennt jeder im Haus. Wenn sie unten vor dem Kellereingang auf einer Grillpfanne ihre Fundstücke der letzten Woche verbrennen -, Nacktschnecken, Fotofilme und Lavendel -, zieht der Geruch durchs ganze Treppenhaus. Und Tom, der schnauzbärtige Mann, der im Fahrstuhl lebt, sich dort richtig eingerichtet hat mit Sessel und Gummibaum, der seine Spiegeleier auf einem Campingkocher im vierten Stock brät, den kennt auch jeder. Zum Pinkeln und Duschen darf er das Bad bei den Rolmars im ersten Stock benutzen, auch wenn die „chronisch Schlaflosen“, die nachts im Haus in wollweichen Socken auf Geräusche und Lärm lauern, sich darüber beschwert haben. Aber die wollen ja auch gesehen haben, wie Lina aus dem dritten sich nachts auf dem Balkon an ihren Baum geschmiegt habe und dabei sang.

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