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Romain Gary: Die Liebe einer Frau Getrennt sinnieren, vereint klagen

23.10.2009 ·  Überall sind wir von Unabhängigkeit infiziert: Romain Garys Huldigung ans Leben zu zweit, von Costa-Gavras in den siebziger Jahren kongenial verfilmt, ist nun in einer Neuausgabe zu entdecken.

Von Joseph Hanimann
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Es gibt Fälle, da stolpert der Roman mit dem Tanzfuß der Fiktion übers Standbein der Realität. Am 29. August 1979 sah die Schauspielerin Jean Seberg in Paris den Film „Die Liebe einer Frau“ von Costa-Gavras nach dem Roman von Romain Gary und brachte sich in der Nacht darauf um. Ihr Tod habe nichts mit dem Film zu tun, sagte Gary, Sebergs Ex-Mann, betroffen in einer Pressekonferenz. Ein gutes Jahr später beging er ebenfalls Selbstmord und hinterließ eine Nachricht: „No connection with Jean Seberg. Lovers of broken hearts are kindly asked to look elsewhere.“ Bei aller Anstrengung, nur auf diesen Roman zu blicken, kann man die realen Ereignisse nicht aus dem Gedächtnis verscheuchen.

Dreißig Jahre danach trägt die Neuausgabe des Buchs mit eingestreuten Fotos vom legendären Paar zusätzlich dazu bei. Denn die zarten Fältchen beim Lachen um die Augen der Frau, welcher der Romanheld Michel beim Öffnen der Taxitür Brot, Eier und Milch aus der Hand schlägt, müssen dem Autor aus der Realität wohlbekannt gewesen sein. Was dann beginnt, die wirre Nacht zweier mit Illusion von Gemeinschaft sich berauschender Egomanen auf der Flucht vor sich selbst, ist jedoch frei erfunden.

Spätexistentialismus

Erzählt wird es mit dem sprunghaften Brio des französischen Romanciers, der beim Jonglieren mit den Anekdoten spätexistentialistisch die Aphorismen durch die Luft wirbeln lässt. „Zwei Verzweifelte, die sich begegnen, das lässt vielleicht hoffen, beweist aber nur, dass die Hoffnung zuletzt stirbt“, sagt Lydia zu dem ihr noch ziemlich unbekannten Mann bei dessen erstem Besuch.

Michel ist Flugpilot und kann sich nicht entscheiden zwischen Weitwegfahren nach Caracas oder sonst wohin, wie er es seiner kranken Frau Yannik versprochen hat, und Dableiben in Paris. Von einem gewissen Punkt an stelle sich nämlich die Frage der Würde, hat Yannik entschieden. Für sie wird es die letzte Nacht sein im Leben, doch will sie weder Mitleid noch Kummer und bittet ihren Mann, aus ihrem Andenken keinen Vorwand zu machen für den Verzicht auf künftige Liebe.

Mit diesem schwierigen Auftrag irrt Michel durch die Stadt und trifft auf Lydia, bei der es auch nicht gerade lustig ist. Durch einen Autounfall hat sie ihre Tochter verloren und will ihren sprechunfähig gewordenen Mann nun auch nicht mehr haben. Zwei Unmöglichkeiten stoßen aufeinander, die des Zusammenbleibens und die der Trennung. „Begehen Sie nicht die Dummheit, aus zu viel Erfahrung alles zu verderben“, bettelt Michel: Lydia soll mit ihm wegfahren und „dem Unmöglichen eine Chance geben“. Der gegenseitige Beistandspakt ist aber nur ein Pokern mit Eigensinn. Lydia nimmt das Angebot an. Die Unmöglichkeit zwischen ihnen zumindest könnten sie teilen, sagt sie, weiß aber genau: „Es genügt nicht, getrennt unglücklich zu sein, um gemeinsam glücklich zu werden.“ Am anderen Morgen fährt sie doch allein, denn sie will nicht Statistin für Michels Erinnerung werden.

Ein Schimpanse und ein rosa Pudel

Der in den unabhängigkeitssüchtigen siebziger Jahren geschriebene Huldigungsroman an das Leben als Paar über Affären und über den Tod hinaus liest sich heute wie ein kühnes Pamphlet in Spiegelschrift. Die freie Beziehung, die damals viel proklamiert und relativ wenig praktiziert wurde, ist heute mehr Routine als Postulat. Das Unheil mache wirkungsvoll Propaganda, sagt Michel im Roman - „Seid unabhängig, Männer, Frauen, Länder! Überall sind wir von Unabhängigkeit infiziert“ -, und er sieht überall nur die Rehabilitierung von Lahmen und Kranken, die ihre Leiden zur Lebensregel erheben. Im Paar allein, so seine Überzeugung, könne etwas aus dem individuellen Leben gemacht werden.

Romain Garys Erzähl- und Dialogkunst reicht auch heute noch aus, um dieser Überzeugung ihre Romanwirkung zu lassen. Eine groteske Nebenfassung davon lässt der Autor auf einer Kabarettbühne spielen, wo zu den Klängen von „El Fuego de Andalusia“ ein Schimpanse und ein rosa Pudel einen Paso doble vorführen. Selbst wenn die Handlung im Zigaretten- und Whiskydunst gelegentlich in existentialistische Wortseligkeit abdriftet, ist das Buch in der überarbeiteten Erstübersetzung von Helmut Kossodo eine reizvolle Wiederbegegnung mit einem Autor, dessen Helden andauernd die Zeit totschlagen und der selbst überraschend gut überlebt.

Romain Gary: „Die Liebe einer Frau“. Roman. Aus dem Französischen von Leon Scholsky. Nachwort von Sven Crefeld. Verlag SchirmerGraf, München 2009. 186 S., geb., 18,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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