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1 Buch, 1 Satz zu „Das Feld“ : Von jetzt an geht es schnell

Bild: F.A.Z.

Nach dem Weltbestseller „Ein ganzes Leben“ erscheint nun Robert Seethalers „Das Feld“: ein Stimmkonzert der Toten, ein Geflecht aus Schicksalen.

          Die siebtletzte Seite dieses Romans endet mit dem Satz: „Von nun an geht es schnell.“ Nicht nur schnell zum Schluss des Buchs, sondern auch mit Connie Busses Schicksal. Und da wir zuvor bereits 27 andere Schicksale von Robert Seethaler erzählt bekommen haben, wissen wir, wohin es auch Connie Busse führen wird: auf den Friedhof, „das Feld“, wie die Einheimischen ihn nennen. Daher hat der Roman seinen Titel, und bis auf eine sind alle seine dreißig Stimmen die von Toten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die überlebende ist die des Erzählers. Nur im ersten Kapitel ist sie zu hören, wenn sie uns nach Paulstadt führt, zu Harry Stevens (von dem wir da noch nicht wissen, dass er so heißt) auf eine Bank unter einer Birke inmitten des kommunalen Gräberfelds. Jeden Tag sitzt Harry hier, „als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen“. Solche lapidaren Sätze mit so viel Wahrheit und Weisheit schreibt nur Seethaler.

          Aus einer Perspektive jenseits des Lebens

          Er schreibt auch, mit Blick in Harrys Kopf: „Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“ Aber diese Kunst beherrscht natürlich niemand. Außer der Literatur, zu deren Repertoire schon immer – und bevorzugt – Reisen ins Totenreich gehörten, von Homer über Dante bis zu Jenny Erpenbeck. Und in seinem vorherigen Roman, „Ein ganzes Leben“, erschienen 2014 und ein Erfolg weit über die deutschen Sprachgrenzen hinaus, hatte Seethaler zwar nicht das Jenseits betreten, aber aus einer Perspektive jenseits des Lebens seines Protagonisten Andreas Egger erzählt – wie man es eben machen muss, wenn es titelgemäß um ein ganzes Leben geht. Denn das kann aufs Sterben nicht verzichten.

          Ganze Leben sind nicht das Thema von „Das Feld“. Es ist vielmehr das Stimmkonzert einer Provinzstadtbevölkerung, deren jede einzelne Persönlichkeit unentbehrlich ist fürs kleine Ganze. Einige der 29 Gestorbenen bekommen nur Kapitel mit einer einzigen Seite, das umfangreichste zählt deren sechzehn, und es ist auffällig, dass die fünf längsten sämtlich Frauen gewidmet sind, die aber wiederum insgesamt in der Minderzahl sind (zwölf gegenüber siebzehn Männern). Man muss sich den Aufbau dieses Buchs so genau ansehen, denn Robert Seethaler ist ein formbewusster Autor. Und nacherzählen kann man 29 Einzelschicksale in keiner Rezension. Ja, eigentlich auch in keinem Roman.

          Doch „Das Feld“ tut es, und Seethalers Trick besteht darin, dass er jeweils einzelne Episoden aus den individuellen Leben herausgreift, die für diese besonders bezeichnend sind. Gelegentlich sind Kapitel miteinander durch personelle Überschneidungen verknüpft. So erfährt man zum Pfarrer Hoberg nicht nur aus seinem eigenen Mund (alle Kapitel bis auf das einleitende sind in Ich-Perspektive gehalten) von seinem seltsamen Ende, sondern eben dieser Seltsamkeit wegen auch von anderen Erzählern. Sie sind sich sämtlich einander Zeitgenossen; die Handlungsdauer, begrenzt durch ihr Lebensalter, umfasst die Jahre vom Zweiten Weltkrieg bis in die unmittelbare Gegenwart. Einige Personen lieben sich gegenseitig.

          Niemand erwarte einen Kleinstadtroman

          Niemand erwarte jedoch, dass hieraus ein Kleinstadtroman entstehe. Paulstadt bleibt blasser als jeder einzelne seiner 29 Bewohner, die hier zu Wort kommen. Die Ortschaft dient allein als größerer Rahmen für Seethalers Personalbasis, und der Friedhof als kleinerer sorgt dann für die Auswahl daraus. War Andreas Egger im „Ganzen Leben“ ein Romanheld im klassischen Sinne (literarisch gemeint, nicht biographisch), so wird in „Das Feld“ ein ganzes Gefüge in den Blick genommen, lauter Leben, um die es sämtlich leise geblieben wäre, hätte sich nicht Seethalers Phantasie und Kompositionsgeschick ihrer angenommen. Das liest sich anders als „Ein ganzes Leben“, komplexer, herausfordernder, aber der Tonfall ist geblieben und damit das Charakteristikum dieses Erzählers. Keine Rede davon, dass er sich dreißig unterschiedliche Stimmlagen für seine dreißig Kapitel gesucht hätte.

          Existentiell muss man diesen aufs Gerippe der Sprache reduzierten Tonfall nennen, hier ist kein Raum für opulente Rhetorik, geschweige denn für Sprachspielereien. Ein harscherer Bruch gegenüber Seethalers Frühwerk, den Romanen „Die Biene und der Kurt“, „Die weiteren Aussichten“ und „Jetzt wirds ernst“, erschienen zwischen 2006 und 2010, ist kaum denkbar, denn diese Bücher waren lustvolle Farcen, Typen- statt Charakterstudien, und als jeweils skurrile Glückssuchen höchst amüsant. Der Umschwung kam 2012 mit „Der Trafikant“, Seethalers erster Geschichte, die in die Vergangenheit zurückführte und dann gleich in die schlimmste, in die NS-Zeit, vorgeführt am Beispiel Wiens nach dem „Anschluss“.

          Nunmehr rückten größere Themen in den Fokus, die Menschlichkeit an sich stand in Frage. Dadurch zog ein Ernst in Seethalers Prosa ein, der seinen passenden Ausdruck in Kargheit suchte, die aber „Der Trafikant“ mit einem prominenten Protagonisten wie Sigmund Freud noch nicht erreichen konnte. Konsequenterweise suchte sich Seethaler für „Ein ganzes Leben“ dann einen Allerweltshelden, der tatsächlich in aller Welt als Held erkannt wurde: weil dessen Erlebnisse so viel über die Befähigung des Menschen aussagen, sein Schicksal zu meistern. Und sei es nur vor sich selbst.

          Das mag ein utopischer Zug in Seethalers Werk sein, doch mit „Das Feld“ ist ihm nun nicht einmal mehr das Gelingen der vielen Lebensentwürfe interessant, sondern die Würde, die selbst noch im Scheitern – und es scheitern etliche Paulstädter, auch vor sich selbst – unberührt bleibt. Diese Liebe Seethalers zu seinen Figuren wiederum berührt bei der Lektüre. Und wenn man dann auf Seite 233 den eingangs zitierten Satz liest: „Von jetzt an geht es schnell“, dann schluckt man, denn er gilt ja nicht nur für Connie Busse, sondern auch für die eigene Lektüre von „Das Feld“, die man sich länger wünscht, so viel länger.

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