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Robert Löhr: Krieg der Sänger : Der Albtraum einer Nachtigall

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Bild: Verlag

Robert Löhr entwirft eine mordslustige Version des Sängerkriegs auf der Wartburg und hilft dabei der Tradition lustvoll auf die Sprünge.

          So pfiffig hat sich dem deutschen Mittelalter vielleicht überhaupt noch niemand genähert: Alles Gravitätische unterläuft dieser talentierte Autor, ohne andererseits mit der Gruselgotik aus Fantasyromanen oder dümmlichem Ritterklamauk aufzuwarten. Robert Löhr beweist, dass das in Deutschland vermeintlich Unmögliche doch möglich ist: der Tradition lustvoll auf die Sprünge zu helfen mit Humor, Spannung und Phantasie. Und mit breitem Wissen.

          Natürlich ist diese Version des berühmten Sängerkrieges auf der Wartburg vollkommen ausgedacht, aber so gewieft ausgedacht und so geschickt mit den Quellen verwoben, dass diese hinreißend hinterlistigen, nur partiell modernen Figuren dem Geist des Mittelalters vielleicht näher kommen als manche staubtrockene Einführung. Und Löhr liefert sogar eine stichfeste Begründung mit, warum sich seine ungestüme Version dieses staufischen Literaturfestivals von der Überlieferung unterscheidet. Schweigen oder Tod, das nämlich ist ganz zuletzt die Alternative.

          Der Schlechteste möge den Kopf verlieren

          Turbulent geht es bereits los mit jenem Übergriff, den Walther von der Vogelweide in einem berühmten Lied festgehalten hat: der Ermordung seiner Mähre durch Gerhart Atze, der glaubt, sie habe ihm den Finger abgebissen - dabei war es, wie wir nun erstmals erfahren, das Pferd Wolframs von Eschenbach. Die Verstümmelung wie das Hinmetzeln des Pferdes durch den „Ritter mit den Manieren einer Sau und der Empfindlichkeit einer abgestorbenen Eiche“ ist ein Vorschein auf das große Schlachten, das noch folgen wird.

          Das Personal stimmt grob mit jenem überein, das wir aus der Legende vom Sängerwettstreit am Hofe des Landgrafen Hermann von Thüringen respektive aus dem vorangestellten Fürstenlob kennen. Heinrich von Ofterdingen, tatsächlich wohl nur eine Quellenfiktion, wird bei Löhr ganz wie bei Novalis zur Zentralgestalt: ein Freigeist und tragischer Held, um den sich bald alles dreht, denn Heinrich - hier als Verfasser des dem Volk abgelauschten (für die Germanisten freilich nur anonym überlieferten) „Nibelungenlieds“ gehandelt - hält den mitreißendsten Vortrag. Der Lorbeer aber wird ihm verweigert, was vielleicht nicht nur mit dem niederen Stil seines Beitrags zu tun hat. Die konkurrierenden Sänger sind Walther, Wolfram, Hermanns Kanzler Heinrich von Weißensee sowie ein gewisser Biterolf. Letzterer, Verfasser eines „Alexanderlieds“, ist der absehbare Verlierer, denn als Nachwuchsautor kann er den Koryphäen poetisch nicht das Wasser reichen; wer aber seine Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb hat, der ahnt, dass Qualität nicht unbedingt das maßgebliche Kriterium sein muss, selbst wenn Reinmar der Alte den Richter gibt.

          Eigentlich soll das Dichtertreffen Einheit in zerrissener Zeit demonstrieren: Mit „einer Zunge“ mögen Deutschlands Literaten sprechen, fordert der gastgebende Mäzen, um den die Dichter mit ihrem Lobpreis scharwenzeln. Wie Hermann sehr gut weiß, sind die einander eifersüchtig Beäugenden zum gemeinsamen Dichten natürlich nicht in der Lage. Vielmehr entsteht in Windeseile der Plan eines Wettstreits, und weil jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, willigt man allzu fix in eine weitreichende Bedingung des Kanzlers ein: Der Schlechteste möge den Kopf verlieren. Bald schon überschlagen sich Listen, Intrigen und tödliche Intermezzi, denen der Leser so naiv und staunend gegenübersteht wie der junge Biterolf, der wacker seinen Aufritt vorbereitet. Jedes weitere Wort zur Handlung wäre ungebührlich, denn sie lebt von den unerwarteten Umbrüchen.

          Ein teuflisch guter Unterhaltungsroman

          Löhr erzählt nicht nur wuchtig und anspielungsreich (auch wenn Wolfram nicht auch noch die Blutstropfenszene seines „Parzival“ durchleben müsste), sondern vor allem frech-feinsinnig im Hinblick auf die vor Eitelkeit beinahe platzenden Poetenpsychen. Fast so schlecht wie der verwöhnte Reinmar von Hagenau - über den die Wissenschaft jenseits seiner Lieder übrigens wenig weiß - kommt der berühmteste aller Minnesänger weg, von dem schon Hugo von Trimberg im „Renner“ schrieb: „Herr Walther von der Vogelweide, wer des vergäße, der tät’ mir leide.“ Vergessen ist er hier keineswegs, aber - köstlich! - ein charakterloser Tandaradei-Poet, der ein Pferd beweint, aber Kollegen opfern würde.

          Und gibt es diesen Typus nicht heute noch? Wenn man es intelligent möchte, kann man Löhrs kurzweilige Saga als Allegorie auf den großen ästhetischen Antagonismus lesen, der das weltliche mittelalterliche Erzählen prägte: ausgefeilte höfische Romane versus blutig-iterative Heldenepik, französisches Zeremoniell versus deutsche Gewalt, Utopie versus Realismus, Schriftlichkeit versus Mündlichkeit, Artus versus Nibelungen, Literatur von oben versus Literatur von unten. Nicht nur in den Positionen der Dichter stehen sich diese Dimensionen gegenüber, der Roman selbst beginnt und endet notdürftig höfisch, lässt dazwischen aber die Masken fallen und suhlt sich in der Heldenepik.

          Verschmerzen lässt sich, dass die Rahmenhandlung etwas dürftig ausfällt: Martin Luther wird während der Bibelübersetzung auf der Wartburg vom Teufel in Versuchung geführt. Er geht den Pakt ein, seine Übersetzung den Flammen zu übergeben, sollte ihn die Erzählung des Teufels von der Bosheit der Menschen überzeugen. Ja, „Krieg der Sänger“ ist ein Unterhaltungsroman, aber ein teuflisch guter. Nehmt und lest.

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