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Robert Harris: Angst Von diesem Rohstoff haben wir genug

Der britische Bestseller-Autor Robert Harris zeigt in seinem routiniert gebauten Thriller „Angst“, wie die Finanzwelt aus Emotionen Geld macht.

© Heyne Verlag Vergrößern

Es gibt viele Möglichkeiten, mit der Angst anderer Menschen Geld zu verdienen. Aber niemand hat einen besseren Weg gefunden, Angst in Mammon zu verwandeln, als der Physiker Alexander Hoffmann. Am Ende des neuen Romans von Robert Harris hat Hoffmann an einem einzigen Tag 4,1 Milliarden Dollar verdient.

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Dieser Tag ist der 6. Mai 2010. Er ist in die Annalen der realen Finanzwelt als Tag des „Flash-Crash“ eingegangen: Innerhalb weniger Minuten brach der amerikanische Aktienmarkt dramatisch ein, erholte sich aber auf wundersame Weise genauso schnell wieder. Die kurze Zeitspanne reichte aus, um Transaktionen in zuvor ungekanntem Ausmaß abzuwickeln: Knapp 1,3 Milliarden Aktien wurden in nur zehn Minuten gehandelt. Börsen mussten vorübergehend geschlossen werden, einzelne Aktien verloren bis zu 99 Prozent ihres Kurswertes, an der Nasdaq wurden am folgenden Tag zahllose Transaktionen für ungültig erklärt und rückabgewickelt. Was hinter dieser Finanzkatastrophe steckte, konnte nie ganz aufgeklärt werden. Amerikanische Aufsichtsbehörden machten einen einzelnen Händler für das Desaster verantwortlich, der in computergesteuerten Transaktionen eine extrem hohe Anzahl sogenannter „E-Mini-Kontrakte“ verkauft hatte. Das Volumen dieser Transaktionen belief sich auf 4,1 Milliarden Dollar.

„Die Welt wird von Angst beherrscht wie nie zuvor“

Das ist kein schlechtes Szenario für einen Thriller, der in der Finanzwelt spielt. Aber Robert Harris, der mit Büchern wie „Vaterland“, „Enigma“, „Pompeji“ und zuletzt „Titan“ allein in Deutschland eine Gesamtauflage von drei bis vier Millionen Exemplaren erreicht hat, geht es um mehr als bloße Spannung. Er verknüpft Suspense mit Ursachenforschung und Kapitalismuskritik. Deshalb fasst er außer dem Tag des Flash-Crash noch ein anderes Datum ins Auge: das Jahr 1993. Damals beschloss die amerikanische Regierung das Aus für ein Großprojekt der physikalischen Grundlagenforschung. Der amerikanische Steuerzahler sparte zehn Milliarden Dollar, wie Harris in Interviews erzählt hat, musste aber fünfzehn Jahre später in der Finanzkrise 3700 Milliarden Dollar aufbringen, um die Banken zu retten. Der Zusammenhang ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber für den Roman entscheidend: Denn Harris ist überzeugt davon, dass der Baustopp des Teilchenbeschleunigers eine ganze Generation hochambitionierter Wissenschaftler ihrer Zukunftsaussichten beraubte und ins Exil trieb. Sie fanden es in der Wall Street, wo die Physiker und Mathematiker jene Programme und Algorithmen entwickelten, die heute einen immer größer werdenden Teil der Finanzgeschäfte abwickeln. Es sind Computer, die im sogenannten Hochfrequenzhandel innerhalb von Millisekunden kaufen und verkaufen: „Finanzbeschleunigung statt Teilchenbeschleunigung“.

Einer dieser Wissenschaftler ist Alexander Hoffmann. Sein Fachgebiet ist Künstliche Intelligenz, die er als „autonomes maschinelles Lernen“ bezeichnet. Als ihm das nötige Kleingeld auszugehen droht, taucht ein smarter Fondsmanager namens Hugo auf, der erkennt, dass Hoffmanns geniale Forschungen nirgendwo mehr Geld einbringen als an der Börse. Gewinn macht ihr Unternehmen vom ersten Tag an. Aber Hoffmann verfeinert seine Algorithmen immer weiter, bis schließlich mit „Vixal4“ ein Computerprogramm entsteht, das unablässig alle Datenströme dieser Welt durchforstet, um künftige Verhaltensweisen der Marktteilnehmer zu prognostizieren. Dabei folgt Vixal4 nur einem einzigen Parameter: der Angst. Denn: „Die Welt wird von Angst beherrscht wie nie zuvor.“ Und Hoffmann hat eine monströse Maschine erschaffen, die daraus Kapital schlägt.

Die Wirklichkeit ist noch monströser

Aber auch Hoffmann selbst bekommt es mit der Angst zu tun. Seltsame Dinge geschehen. Er erhält per Post ein kostbares Buch, das er nicht bestellt hat, sämtliche Kunstwerke seiner Frau werden aufgekauft, ein Unbekannter dringt nachts mühelos in die hochgesicherte Villa am Genfer See ein, weil er per Mail den Zugangscode für die Alarmanlage erhalten hatte. All dies geschah in Hoffmanns Namen, aber ohne sein Wissen. Die Frage ist also: Ist Hoffmann verrückt, eine gespaltene Persönlichkeit, oder soll er zielgerichtet in den Wahnsinn getrieben werden. Aber von wem?

Ein Monstrum ohne Vergangenheit mag schrecklich sein, aber interessant ist es nicht. Es bedarf einer Geschichte. Welche Geschichte könnte indes ein Computerprogramm haben, das ein monströses Eigenleben entwickelt? Robert Harris löst dieses Problem mit einem genialischen Einfall: Das Buch, das Hoffmann zu Beginn des Romans überraschend zugeschickt wird, ist eine Erstausgabe von Darwins „The Expression of the Emotions in Man and Animals“. Fortan sind die Prinzipien der Evolution der Leitfaden des Thrillers. Aber es dauert eine Weile, bis Hoffmann erkennt, dass seine Schöpfung gelernt hat, den Gesetzen der Evolution zu folgen, und die Erhaltung der eigenen Art zum obersten Ziel seines Handelns erklärt hat. Kleine Ironie am Rande: Weil der Computerwissenschaftler das Buch nicht als klassischen Datenspeicher begreift, sondern vor allem eine kostbare Antiquität darin sieht, ist er taub für die Botschaft von Darwins Schrift.

„Angst“ ist ein routiniert gebauter Thriller, der Einblicke in die Finanzwelt erlaubt, die über weite Strecken beklemmend realistisch erscheinen: Wer endlich einmal wissen will, wie ein Hedgefonds funktioniert oder wie man es anstellen muss, um als Millionär nur zehn Prozent Steuern zu zahlen, greife zu diesem Buch. Dass die Logik und der angestaubte Frankenstein-Plot einige Mottenlöcher aufweisen, muss man ebenso hinnehmen wie den langatmigen, arg bemühten Showdown zwischen Hoffmann und seinem entfesselten Geschöpf. Vielleicht liegt darin ja die Rache der Finanzwelt an ihrem grimmigen Kritiker Robert Harris: Vermutlich ist sie noch viel monströser, als ein Unterhaltungsroman es zeigen könnte.

Robert Harris: „Angst“. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München 2011. 384 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.11.2011, 18:40 Uhr