Sie war Redakteurin hier, bei dieser Zeitung, in diesem Feuilleton, als alles begann. Wir haben ein Büro geteilt und beinahe alle Ideen, auch wenn es nur ganz kleine waren. Manchmal wurde dann ein großer Text daraus. Manchmal gar nichts. Wurde einer draus, hat niemand diese Texte dann so scharf und unerbittlich kritisiert wie sie. Oder gelobt. Sie brachte mich mit stundenlangen, dramatischen Telefonaten mit "Kicky" zur Weißglut. Und wenn sie aber selbst an einem Artikel saß, stöhnte sie: "Volker, du tippst wieder so laut!" Ihr war immer zu kalt. Mir war immer zu warm. Sie arbeitete mit Pelzmütze und ich im T-Shirt. Irgendwann war sie dann nicht mehr Redakteurin hier und ging nach Brasilien für ein halbes Jahr.
Als sie zurückkam, war es Winter, und wir sind zusammen durch den Schnee von Berlin gelaufen. Eine Nacht lang. Durch Mitte, durch den Wedding, den Humboldthain, und der Schnee war tief und naß, und ich hatte nur dünne Turnschuhe an, weil wir eigentlich bei ihr Wein trinken wollten, aber als ich kam, sagte sie, sie habe da eine Idee im Kopf, und die müsse sie jetzt sofort mit mir besprechen. Und so sind wir also durch den Schnee gelaufen, sie bei mir untergehakt, meine Füße waren natürlich sofort naß und kalt, und sie erzählte von Brasilien und von einer Novelle, die sie plane.
Sie erzählte von zwei deutschen Theologiestudenten, die in den siebziger Jahren für ein Praktikum nach Brasilien reisen. Und nicht einfach so nach Brasilien, sondern in den äußersten Winkel des Landes, viele tausend Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, in den Regenwald hinein, nach Cruzeiro do Sul, um in einer Leprastation zu arbeiten. Der eine der beiden - Wilmar Olaf Hegenberg - ist ein großer Lebenskontrolleur, ein Lebensplaner, den unerwartete Ereignisse aus jeder Sicherheit werfen. Der andere, Georg Santin, ist ein Freund des spontanen Erlebens, des späten Aufstehens, des plötzlichen Entschlusses. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, immer weiter in ein immer tieferes Grün hinein, den großen Fluß hinab. Sie sind Freunde und werden zu Feinden. Ihre Lebensunterschiede sind zu groß für diese Fahrt.
So erzählt sie also, und die Füße werden immer kälter. Sie erzählt vom Fluß, vom Grün, von der Hitze, von dem Leprakranken, dem man einen Bleistift an den Armstumpf gebunden hat und der kichernd obszöne Zeichnungen von Wilmar und Georg anfertigt, und sie erzählt von diesem Tier, das auf dem Flußgrund lebt, das Tier mit dem todbringenden Stachel, und vom größten Schmerz der Welt. Schon in dieser Nacht ist es eine kleine Novelle. Eine Luft-Novelle noch. Eine Gedanken-Novelle.
Dann hat sie sie aufgeschrieben, und wir haben uns immer wieder zum Lesen getroffen. Sie hat die neuesten Passagen vorgelesen. Ohne aufzublicken. Atemlos, unsicher und stolz. Als sie die allerersten Seiten fertig gelesen hatte, blickte sie immer noch nicht auf, bis ich sagte: "Toll!" Dann gab es einen großen Tanz. Sie hat dann immer wieder vorgelesen, auf Sofas, am Fenster oder am Strand, und ich war schneller Kritiker. Ein schlechter sicher, denn ich war jedes Mal verzaubert. Von der Geschichte. Vom Grün. Vom Ton. Von Anne.
Jetzt ist es ein Buch und liegt in den Läden. Es ist schmal, mit sandfarbenem Umschlag aus Leinen und leuchtendgrünem Skelett darauf. Eine Novelle aus einer anderen Welt.
Und wie ist es so, das Buch? Das müssen andere wissen. Ich finde es wundervoll.
VOLKER WEIDERMANN
Anne Zielke: "Arraia". Novelle. Blumenbar-Verlag. 2004. 120 Seiten. 16 Euro.