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Rick DeMarini: Götterdämmerung in El Paso Neonazis in Texas

Liebe, Politik und pulp fiction: Rick DeMarinis schießt scharf über die Grenze.

© Verlag Vergrößern

Der Grenzkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko schreibt die schlimmsten Erzählungen selbst - die Überformung durch Literatur kann kaum mit den Nachrichten mithalten. Eine Ausnahme ist ein Roman, der auf beide Seiten des Zauns blickt und ebenso kenntnisreich wie raffiniert ein Sittengemälde pinselt, das sich als pulp fiction ausgibt, aber diese mit einer Meta-Fiktion hinter sich lässt. Luther Penrose, ein 150 Kilo schwerer, medikamentenabhängiger Dichter, schreibt überzüchtete Prosa: „Ein wisperndes Gespinst silbrig schimmernden Nebels verschleierte den Schwarzwald und erstickte die neugeborenen Sinne in ihrer aufwärtsschwebenden Sternenwiege.“

Hannes Hintermeier Folgen:  

Es geht um Richard Wagner und um den „Führer“, die in dem Roman „Der Entfesselte Parsifal“ aufeinandertreffen. Das Kapitel „Richard trinkt Tee mit Hitler“ hat Penrose auf Deutsch verfasst, weil er überzeugt ist, „dass der Roman der Zukunft polyglott sein muss“. In jungen Jahren war der Dichter Soldat im Golfkrieg, Operation „Desert Storm“. Sein Kriegskamerad und Freund J. P. Morgan beschreibt sich so: „Versicherungsdetektiv und Eheberater, zugelassen vom Staate Texas, tätig auf dem Felde der Läuterung von Mensch und Gesellschaft durch die Erledigung von Aufträgen, gleichgültig, wie hirnverbrannt, aussichtslos oder grässlich sie auch sein mögen.“

Liebe oder Politik?

Im Gegensatz zum gleichnamigen Bankhaus ist J. P. nicht von Gier, sondern von einem paradoxen Gewissen getrieben. Notfalls geht er über Leichen, Hauptsache, das Gute siegt. Traumatisiert vom Krieg, erscheint ihm im Traum regelmäßig jener junge Iraker, den er erschossen hat. Auf Drängen Luthers heftet sich J. P. auf die Fersen von Carla Penrose, die im Verdacht steht, ihren Mann zu betrügen. Tatsächlich ist sie mit einem Mexikaner verschwunden.

Aber es geht nicht um Liebe, es geht um Politik und also um Flüchtlinge und illegale Einwanderer. Die Aktivistin Penrose hilft dem Mexikaner Hector Martinez unterzutauchen, und sie bezahlt ihm eine plastische Operation. Dass aus dem Leben im Untergrund aber Liebe erwachsen kann, das ahnt J. P., der sich alsbald in einem von Kopfgeld und Ideologie befeuerten Wettlauf um die Ergreifung des flüchtigen Paares wiederfindet.

Pulp fiction und Gesellschaftsporträt

Besonders brutal gehen die Schläger des rassistischen Prominenten-Zahnarztes Stefan Selbiades vor. Der hat eine nazistische, paramilitärische Einheit namens Hans-Brinker-Brigade gegründet, die nach dem Muster europäischer Rechtsextremer organisiert ist; Kontakte gab es unter anderen auch zu Unterstützern von Jörg Haider. Ziel der Brigade: Die amerikanische Regierung soll durch permanente Provokationen in einen militärischen Konflikt mit Mexiko verwickelt werden, an dessen Ende ethnische Säuberungen stehen.

Rick DeMarinis hat acht Romane, sechs Bände mit Kurzgeschichten und ein Handbuch (“The Art and Craft of the Short Story“, 2008) geschrieben, auf Deutsch erschien zuletzt „Kaputt in El Paso“ (F.A.Z. vom 7. Februar 2008). Dem Status eines Geheimtipps ist der 1943 geborene Autor auch hierzulande leider nicht entronnen; die umkämpfte Südwestecke der Staaten hat Don Winslow abgeräumt. Dabei beweist DeMarinis auch mit seinem zweiten El-Paso-Roman, dass er Elemente der pulp fiction mit dem Porträt einer kaputten Gesellschaft amalgamieren kann.

Das kostbare Geschenk der Sprache

In diesem Gemisch haben trockener Humor, Poesie und sogar die zarte Geschichte einer Mutter-Sohn-Beziehung Platz. Denn Velma, die Mutter von J. P., hat Aussetzer. Eine Mitarbeiterin der „Adult Protective Services“ droht, sie in ein Heim einweisen zu lassen. Dabei ist die alte Dame zeitweise ganz klar, wenn sie etwa ihrem Sonn erklärt, sie habe ihn stets angehalten, „vernünftig zu sprechen und die Sprache zu achten. Sprache ist ein kostbares Geschenk. Heutzutage scheint das niemandem mehr gegenwärtig zu sein. Sprache hat den Menschen befähigt, sich seiner selbst bewusst zu werden. Und so hat sie ihm auch ein Gewissen gegeben.“

Die Folgen der Landnahme: DeMarinis beleuchtet immer wieder die historischen Ursachen der heutigen Misere. Und er schafft es, das Thema Ökologie einzubauen, indem er J. P. als Kreuzzügler gegen Bewässerungsanlagen in den Kampf schickt - gegen die Verheerungen, die Amerika mit seiner Ausbeutung der Grundwasserreserven betreibt, nur um aus Wüstenstaaten grüne Oasen zu machen. Am Ende befreit J. P. seine Mutter aus den Klauen der Bürokratie, für die meisten anderen Figuren des Buchs kommt nach vielen Blutbädern jede Hilfe zu spät.

Rick DeMarinis: „Götterdämmerung in El Paso“. Roman. Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2012. 319 S., br., 13,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:51 Uhr