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Rezension zu „Trennung“ : Schrödingers Ehemann

Touristin vor einer kleinen Kirche im Süden Kretas Bild: Picture-Alliance

Auf der Suche nach Klarheit: Was für eine Art Roman ist das eigentlich? Und was für eine Ehe? „Trennung“ von Katie Kitamura öffnet den Vorhang und lässt Fragen offen.

          Mit einer Trennung schafft man klare Verhältnisse. Einer zieht aus, vielleicht sogar direkt beim neuen Partner ein, und alles ist klar – oder auch nicht. Denn all das hat die namenlose Protagonistin von Katie Kitamuras Roman „Trennung“ getan: Sich von ihrem untreuen Mann Christopher getrennt und Yvan kennengelernt, bei dem sie inzwischen auch wohnt. Das Wort Scheidung ist noch nicht gefallen, aber das, glaubt sie, dürfte letztlich nur eine Formalität sein. Die Freunde und seine Familie wollte Christopher allerdings noch nicht informieren. Deshalb ruft eines Tages seine Mutter bei der Schwiegertochter an: Christopher sei verschwunden, in Griechenland. Sie solle ihn suchen, und warum sie eigentlich nicht mitgeflogen sei? Anstatt ihrer Schwiegermutter reinen Wein einzuschenken, fliegt sie auf die griechische Insel, stellt im Hotel fest, dass Christopher wirklich verschwunden ist, und wartet. Wo er sich herumtreibt, ist ihr gleichgültig, aber sie will ihn sehen, um ihn um die Scheidung zu bitten.

          Ab hier verliert sich der Roman in doppelter Unklarheit: Lebt Christopher überhaupt noch? Bekommt seine Frau noch die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen? Und, davon ausgehend: Um welche Art Roman handelt es sich hier eigentlich? So lange Schrödingers Ehemann in der Kiste bleibt, hält auch die Autorin sich das offen: Es könnte noch immer die Geschichte eines Kriminalfalls werden, die Geschichte einer erkalteten Liebe oder die Geschichte einer dramatischen Rettung, sogar etwas Paranormales.

          Wie absichtsvoll Katie Kitamura dieses doppelte Rätsel konstruiert hat, bleibt ebenfalls unklar. Denn leichte Längen bekommt die Geschichte dadurch schon. Kitamura, Jahrgang 1979, arbeitet sonst als Journalistin und Literaturkritikerin unter anderem für die „Times“ und den „Guardian“. Es ist der dritte Roman der New Yorkerin mit japanischen Wurzeln, aber ihr erster, der ins Deutsche übersetzt wurde. Die Schauspielerin Katherine Waterston, bekannt aus „Phantastische Tierwesen“, kaufte bereits die Filmrechte und will selbst die Hauptrolle spielen.

          Katie Kitamura: „Trennung“
          Katie Kitamura: „Trennung“ : Bild: Hanser

          Während der Leser mit der Protagonistin auf deren Mann wartet, wird er mit Geschichten über die Hotelangestellten unterhalten. Die Rezeptionistin Maria hat Christopher offenbar sehr viel näher kennengelernt, was ihren Verehrer Stefano viel mehr trifft als die offiziell betrogene Ehefrau. Deren konstant unterkühlter Gefühlshaushalt zeigt sich am besten in einer Szene in der Hotellobby: Maria und Stefano streiten dramatisch, während sie sich einen Sessel heranzieht und als Zuschauerin daran teil hat. Näher als hier kommt sie an Emotionen in der ganzen Zeit nicht heran, schon gar nicht an ihre eigenen. Christophers Untreue sieht sie als männliche Selbstermächtigung: „Nur an den Ufern der Untreue erlangten sie noch ein gewisses Eigenleben, eine innere Lebendigkeit.“

          Weil Christopher auf der Insel über ein Buch zum Thema Trauer recherchiert hatte, sucht auch seine Frau ein Klageweib auf. Damit ziehen Tod und Trauer ins Buch ein, lange bevor klar ist, wohin Christopher verschwunden ist. Die alte Griechin erklärt ihr, warum ein Klageweib immer besser werde: „Wenn man jung ist, hat man noch keine persönliche Erfahrung mit dem Tod, mit Verlust, man hat noch nicht genug Traurigkeit in sich, um zu trauern. Man muss sehr viel Traurigkeit in sich tragen, um für andere Menschen trauern zu können und nicht nur für sich selbst.“

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          Irgendwann wird Christopher auf der Insel gesehen – mit einer Frau. Bald darauf wird er ermordet aufgefunden. Das ist zu diesem Zeitpunkt längst keine Überraschung mehr. Doch es gibt keinen Verdächtigen, keine Erklärung, nichts. Neue Unklarheiten treten an die Stelle der alten. Seine Witwe will ihren Schwiegereltern in deren Trauer die Wahrheit über ihre Ehe nicht zumuten und geht in ihrer Rolle als trauernde Hinterbliebene so auf, dass sie selbst ihren Motiven misstraut.

          Katie Kitamura bleibt als Erzählerin so kühl wie ihre Heldin. Sie psychologisiert nicht, sie beobachtet. Auch die griechische Landschaft taucht sie in ein seltsam fahles Licht. Distanz zur Geschichte, Distanz zu den Figuren, Distanz zur Kulisse: Darin liegt eine überraschende Anziehungskraft. Man möchte nähertreten, mehr erfahren, klarsehen, endlich verstehen. Und erfährt nur: Manchmal gibt es keine Klarheit und nichts zu verstehen.

          Katie Kitamura: „Trennung“. Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Carl Hanser Verlag, München 2017. 253 S., geb., 22,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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