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Rezension zu „Johnny und Jean“ : Teresa Präauer zieht uns den Boden unter den Füßen weg

  • -Aktualisiert am

Teresa Präauer wurde mit ihrem Debütroman „Für den Herrscher aus Übersee“ bekannt. Bild: Felix Schmitt

Teresa Präauer ist seit ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütroman eine große Hoffnung der deutschsprachigen Literatur. Nun ist ihr zweiter Roman „Johnny und Jean“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

          In einer Phantasiewelt, eng mit der Lüge verbandelt, spielt der neue Roman „Johnny und Jean“ von Teresa Präauer. „Spielen“ ist hier das richtige Wort, weil die österreichische Autorin, Künstlerin und Schriftstellerin, Jahrgang 1979, auf zweihundert Seiten ein literarisches Feuerwerk sprühen lässt, von dem man nie weiß, was daran wirklich ist, was erfunden und wie diese beiden Elemente einander in der Geschichte durchdringen. Eines ist in diesem Buch jedoch sicher: Alles ist Vorstellung, nichts Handlung.

          Die Geschichte um „Johnny und Jean“ beginnt mit dem Satz: „Ich stelle mir vor, wie ich als Bub auf dem Land lebe.“ Mit der Unsicherheit, die dieses „Ich stelle mir vor“ vom üblichen Erzähltonfall unterscheidet, muss der Leser bis ans Ende gelangen. Und das gelingt tatsächlich spielend, weil die Geschichte aus vielen kleinen vertrauten Erinnerungen und Erfahrungen gewebt ist, die eben doch wahr sind, weil der Leser darin Eigenes wiedererkennt.

          Schon der Titel weckt Assoziationen. Man denkt natürlich an „Jules und Jim“ oder an „Thelma und Louise“, an berühmte halsbrecherische Paare. Wir werden sofort in Johnnys Gedanken hineingezogen: Ein kleines Kaff, ein Schwimmbad, und alle Schüler sind beisammen. Wer kennt das nicht? Sie stehen kurz vor dem Schulabschluss, werden wegziehen oder auch nicht: „Dann ist der Sommer vorbei, und wir verlieren uns, wie man so sagt, in alle Richtungen.“

          Teresa Präauer: „Johnny und Jean“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 208 S., geb., 19,90 Euro.
          Teresa Präauer: „Johnny und Jean“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 208 S., geb., 19,90 Euro. : Bild: Wallstein Verlag

          Der Erzähler sieht sich selbst als Außenseiter, will übersehen werden - auch im Schwimmbad: „Ich köpfle und verliere vom Springen fast die Badehose, unter Wasser zieh ich sie schnell wieder hoch, tauche auf und schau, ob mich keiner gesehen hat.“ Es hat ihn niemand bemerkt, wie immer. In seinen Gedanken aber steht er mit allen in Kontakt, träumt sich zurecht, dass er ein guter Freund des coolsten Jungen ist: Jean, der auch nicht Jean heißt, aber sich so nennt. Oder nennt ihn nur Johnny so? Jean gelingt alles. Er ist ein Freistilkämpfer. Aber ist er auch ein Held? Oder ist er nur die bessere Hälfte? Oder die verkörperte Jugend selbst, die man verlieren wird?

          Johnny sieht Jean erst wieder, als er mit seinen „Sachen unterm Arm in der Stadt“ auftaucht. „Jean ist schon vor ihm da gewesen, er hat einfach einen früheren Zug genommen, und er kennt sich schon aus, er hat seine Sachen ausgebreitet und seine Schuhe unterm Tisch ausgezogen.“ Beide wollen Kunst studieren, stehen vor der Aufnahmeprüfung. Aber Jean ist immer schneller, immer beliebter, immer besser. Johnny kämpft sich hinter ihm her und lässt ihn nicht aus den Augen.

          Teresa Präauer kleidet ihre Szenen in wundersam spärliche Sätze - hier bei der Aufnahmeprüfung: „Als ich aufgerufen werde, meine Mappe auf den Tisch lege und meine Studien vom kleinen Fisch im Wasserglas hervorziehe, merke ich, dass daran etwas nicht stimmt. Ich merke es exakt jetzt.“ Mit diesem Satz hätte Johnny seinen Traum unterbrechen können. Er hätte das Studium aufgeben und eine Banklehre beginnen können. Aber Johnny folgt Jean, träumt sich Begegnungen und durchzechte Nächte mit einer Flasche Pastis herbei.

          Kein geläufiges Etikett der Sorte „Jugendbild“, „Generationenroman“, „Bekenntnis“ passt zu diesem Buch. Es ist all dies, aber auch ein Zwiegespräch über die Kunstgeschichte aus Künstlersicht, ein Versuch in Kunst- und Kunstbetriebskritik, eine Meditation über Hoffnung und Enttäuschung - und darüber, dass man trotzdem immer weitermacht. Und dass die Imagination Notausgänge bietet, wo die Tatsachen zu eng sind. Nicht nur bei Jean. Johnny träumt von „Jennifer und Jessica“: „Ich gehe nicht mehr zum Aktzeichnen, und deshalb schneide ich Jennifer und Jessica und all ihre verständnisvollen Freundinnen aus den Magazinen aus und klebe sie auf Zeichenblätter“, und nun folgt in wenigen Präauer-Sätzen eine ganze Lustgeschichte (Johnny, ich will dich!, ruft Jessica) eines Übersehenen, die jäh unterbrochen wird, als die Mitbewohnerin eintritt und fragt: „Johnny? Was ist los mit dir?“ Seifenblase geplatzt, doch gleich wird die nächste schillern.

          Jean erträumt sich alles: Johnny, Jennifer und Jessica. Und doch kann man sich nie so ganz sicher sein. Gibt es Louise, mit der er schließlich seinen ersten Sex in einer Video-Blackbox bei Pipilotti Rist im Museum Humlebaek in Dänemark hat, vielleicht doch?

          Teresa Präauers Romane weichen auch dem Spießigen nicht aus, bestehen nicht auf Coolness, wenn es um schlichte Erinnerungen geht: „Ich habe von allen Ritualen, fällt mir ein, das Einreiben der Hände mit Talkum beim Turnen am liebsten gemocht. Mitten in den weißen Haufen aus weißem Puder hab ich hineingegriffen, geklatscht und es stauben lassen.“ Schon im nächsten Satz öffnet sie den Blick auf Schicksalhaftes in der Beziehung der beiden Jungen zueinander: „Währenddessen hat sich Jean, da bin ich mir sicher, längst auf die Reckstange geschwungen gehabt und seinen Körper dort oben herumwirbeln lassen, die Pflicht erledigt, gefolgt von einer vierteiligen Kür.“

          Irgendwann stellt sich die Frage, ob es eigentlich Beweise für einen realen Kontakt zwischen den beiden jungen Männern gibt? Oder findet alles nur im Kopf von Johnny statt? Der Zweifel bleibt, auch nachdem Beweise vorgezeigt werden - „dann haben wir uns geprügelt wie Hunde“.

          Auch wenn in Teresa Präauers Debütroman „Für den Herrscher aus Übersee“ die historischen Bezüge kunstvoller waren und dieses neue Buch manchmal wie ein Übergangsroman wirkt, weil man spürt, dass sich da zwischen den Zeilen etwas noch Größeres ausbreitet, schafft die fünfunddreißigjährige Österreicherin abermals etwas Wunderbares: keine Lektüre für Leute, die am Schnürchen durch ein Leben geführt werden wollen, sondern für Leute, die gern das Ruder abgeben, für die Lesen eine Seereise bei starkem Wellengang ist. Willkür herrscht hier dennoch nicht, Angst haben muss niemand - nicht vor Johnny oder Jean oder Jennifer oder Jessica. Furcht nicht, aber Lust wird wach - am Leben, der Liebe und der Lüge.

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