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Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ : Vier Tage eines neuen Lebens

Natürlicher Lebensraum: Bodo Kirchhoff auf der Buchmesse Bild: dpa

Dieses Buch ist die Essenz des literarischen Schaffens von Bodo Kirchhoff. Und dabei ist es „nur“ eine Novelle.

          Abschätzig wird heute oft von der Form der Novelle gesprochen, nachdem die von den Verlagen postulierte Gier des Lesepublikums nach Romanen sie fast ausgerottet hätte. Und mit dem Deutschen Buchpreis, der Jahr für Jahr ausschließlich unter den deutschen Romanen verliehen werden soll, vermuteten wir gar den sicheren Todesstoß. Aber von Zeit zu Zeit setzt sich eine Jury über die Formfrage hinweg und mogelt eine Novelle in ihre Auswahlliste hinein. In diesem Jahr ist das wieder einmal geschehen: mit Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Allerdings hat sich dieses Buch nicht in die Longlist eingeschlichen - es kommt im Triumphzug daher. Präziser wird in diesem Herbst in Deutschland nicht erzählt, und wenn Kirchhoff sich entschieden hätte, seine immerhin 210 Seiten zählende Prosa als Roman zu bezeichnen, hätte das nicht verwundert. Doch die Konzentration, die er sich selbst abverlangt hat, legt die scheinbar kleine Form nahe, die hier - die Wortfeldverschiebung sei gestattet - zu ganz großer Form aufläuft.

          Die beiden Themen, die sich Kirchhoff für „Widerfahrnis“ ausgesucht hat, sind ohnehin schon groß genug: die Liebe und die gegenwärtige Flüchtlingskrise. Das Erste ist das größte literarische Thema überhaupt, zeitlos seit dem Gilgamesch-Epos als der ersten Literatur überhaupt. Das Zweite ist dagegen tagesaktuell, also für den Ewigkeitsanspruch von Kunst viel riskanter. Aber es wird von Kirchhoff auch nur am Rande eingeführt - buchstäblich, denn einmal huschen bei einer nächtlichen Fahrt über die Alpen jenseits des Brennerpasses am Autobahnrand campierende Flüchtlinge in die Wahrnehmung, und dann erlebt Julius Reither, Kirchhoffs männlicher Protagonist, ganz zum Schluss eine Katharsis, als er auf der Rückfahrt mit der Fähre von Sizilien nach Kalabrien einer afrikanischen Flüchtlingsfamilie Zuflucht in seinem Auto gewährt. Das geschieht in einem Moment, der für ihn der krisenhafteste des Ausflugs aus dem bayerischen Voralpenland ins sizilianische Catania ist, weil eigentlich auch auf der Rückfahrt Leonie Palm neben ihm hätte sitzen sollen.

          Diese Dame in den besten Jahren steht eines Abends vor der Wohnungstür des ehemaligen Verlegers Reither, der sich nach der Abwicklung seines großstädtischen Klein-aber-fein-Verlags einen idyllischen Altersruhesitz gesucht hat. Mit schönen Frauen hatte er weniger Geschick als mit schöner Buchgestaltung, doch in Gegenwart der literaturbegeisterten Leonie Palm wird aus dem einsamen Ruheständler ein verliebter Spontanreisender, der eine nächtliche Spritztour über die österreichische Grenze zum Achensee zur Fahrt durch ganz Italien erweitert. In der Nacht auf Dienstag, den 21. April 2015, geht es los, am Donnerstag ist man schon wieder auf der Rückfahrt. Diese Novelle misst einen großen Raum aus, aber eine sehr begrenzte Zeit.

          Die Bewegung in der ganzen Vieldeutigkeit dieses Begriffs ist ihr zentrales Motiv, bis hin zur letzten Seite, auf der eine winzige Bemerkung von Leonie Palm alles vorher Gelesene noch einmal in neues Licht rückt. Überhaupt: Licht - „Widerfahrnis“ ist ein Fest der Licht- und Dunkelphänomene, Lektion in Beschreibungskunst von kalten Nächten und warmen Abenden und entsprechenden Gefühlen. Der traditionsreichste geographische Gegensatz unserer Literatur - Italien und Deutschland - wird zur Skalierung der schwankenden Temperamentstemperaturen beider Protagonisten nutzbar gemacht. So klassisch hat Bodo Kirchhoff nie erzählt.

          Subtiler auch nicht, denn der ehemalige Verleger, von dem Kirchhoff in der dritten Person berichtet (aber mit dem Wissen eines Reither gegenüber auktorialen Erzählers, während der erzählerische Blick auf Leonie Palm ganz äußerlich bleibt), legt sich selbst immer wieder Rechenschaft über die Angemessenheit der Schilderung des Geschehens ab - und über die Frage, ob das Erleben den eigenen literarischen Ansprüchen standgehalten hätte. „Auf dem Platz schon reges Leben, Frauen mit Tüten und Körben, Männer unterwegs mit Ersatzteilen, einem Auspuff, einer Felge, mit Karren voll Waren, Töpfe, Matratzen, Obst - schön fürs Auge, nichts fürs Buch“, heißt es etwa über Catania, und es ist wunderbar, wie Reithers permanentes Ringen mit sich selbst in solchen Überlegungen vom Autor parallel geführt wird mit der Schwierigkeit, eine „unerhörte Begebenheit“ (so Goethes inhaltliches Kriterium für die Novelle) zu erzählen und gleichzeitig dadurch das Unerhörte nicht sofort zu Verschwinden zu bringen.

          Bodo Kirchhoff ist es geglückt - bis hin zur rätselhaft anmutenden Titelwahl seiner Novelle, die erst aus einem Gespräch zwischen seinen beiden Reisenden erklärt wird - „ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen“, wie Reither sich sagt. Kirchhoffs Buch darf in der Tat Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen, weit über Aktualitäten wie Buchpreislisten und Flüchtlingsfragen hinaus.

          Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“. Eine Novelle.

          Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016. 224 S., geb., 21,- €

          Quelle: F.A.Z.

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