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Rezension : Was vom Tagebau übrig bleibt

  • -Aktualisiert am

Bild: berlinerzimmer.de Verlag

Der Preisträger des ARTE-„Liter@turwettbewerbs“ 2000 war ein Mitschreibprojekt im Netz. „Mein Pixel-Ich“ war das Thema - jetzt gibt es die Pixel auf Papier.

          Im Sommer 2000 schrieb der Fernsehsender „ARTE“ einen Schreibwettbewerb im Internet aus. Der Vorstoß hieß „Liter@turwettbewerb“ und zielte inhaltlich wie formal auf die Neuen Medien. Eins der Schlüsselthemen lautete „Mein Pixel-Ich“, eine der Preiskategorien „Innovation“.

          Die geistigen und webadministrativen Eltern des Multiuser-Tagebuchs „Tagebau“, Sabrina Ortmann und Enno E. Peter, hatten ihre Mitschreiber mit wöchentlichen Zwischenüberschriften („Die Geburt einer virtuellen Existenz“, „Identität im Internet“ oder „Vom Cyberflirt zum Flamewar“) auf das Thema einschwören können - und die Jury des Wettbewerbs überzeugt. Denn an der Netzspezifik, an der „Innovationskraft dieses literarischen Gemeinschaftswerk“ konnte kein Zweifel sein.

          Pixel auf Papier

          Nun gibt es das Ganze als Buch: Pixel auf Papier. Wer will, kann nach wie vor alles online nachlesen. Wer will, kann es nun aber auch mit in die Badewanne nehmen. Als die Hälfte des November 1999 gestarteten Mitschreibprojekts „Tagebau“ einem Server-Crash zum Opfer fiel, wusste man: Nichts ist sicher, außer auf Papier. Mit dem Preisgeld aus dem „Liter@turwettbewerb“ konnte das Buch realisiert werden.

          Die Herausgeber Sabrina Ortmann und Enno E. Peter auf einer Lesung
          Die Herausgeber Sabrina Ortmann und Enno E. Peter auf einer Lesung : Bild: Sabrina Ortmann und Enno E. Peter

          Sicher, der Medienwechsel ist voller Gefahren, denn diese Texte wurden eben fürs Netz geschrieben, aus der Dynamik einer Netzgemeinde, die sich dem distanzierteren Leser gedruckter Buchstaben nur teilweise mitteilen wird. Außerhalb der digitalen Versuchsanordnung mag die Sperrigkeit der Texte stärker ins Auge fallen. Eine durchkomponierte Geschichte kann man jedenfalls nicht erwarten (und auch die Geschichtchen sind es nicht immer), eher das Dokument einer Suche, das vor allem durch seine Authentizität besteht. Wer daran interessiert ist, wird diese Kreuz-und-Quer-Gedanken mit Gewinn lesen. Wird er am Ende wissen, was das Pixel-Ich ist?

          Die Vielzahl, die Selbsterfindung, die andere Gestalt, die Falle

          Das erste Statement zum Thema findet man wohl in der Suche dieser „Kommunikations-Community“ selbst: Pixel-Ich sind viele. Das zweite gibt die Geschichte vom hässlichen Hans, den das Netz vorm Selbstmord rettet. Denn das Netz ist ein großer Gleichmacher und Ignorant der Dinge, die nicht als Wort daherkommen. Im Netz ist man, was man tippt: Das Pixel-Ich hat keine Pickel. Glaube? Betrug? Wer glaubt ihm schon, wenn jemand sich als Papst in den Chat einloggt, wie es ein andere Text durchspielt. Betrug gehört zur Verabredung, Skepsis ist oberstes Gebot.

          Das Pixel-Ich - Nr. 3 - ist ein anderer. Das fällt freilich weniger auf, wenn es sich nicht gleich um den Papst handelt, sondern einfach nur um Franz als rote Sophie. Der Erfolg, den dieser damit bei den Männern hat, ist durchaus problematisch: War nicht schon der Vater gegen Schwule! Wohin mit sich und seinem anonymen Coming Out? Pixel-Ich - Nr. 4 - ist eine Falle, oder Chance.

          Die Verführung durch Sprache

          Aber auch Frauen leben als Frauen im Netz, wie Lady Chatterley, die im Chat polygam und im wirklichen Leben asozial wird. Die vielen neuen Freunde online und die Angst, etwas zu verpassen, in Vergessenheit zu geraten. „Lady Chatterley hatte Sex mit anderen Frauen und Männern im Separé. Die Phantasie macht mehr Spaß als die öde Wirklichkeit.“ Gegen den letzten Satz hätten gewiss viele vieles zu sagen. Interessant indess bleibt der Umstand, dass Ungesehene sich hier mit Buchstaben verführen. Es gibt keinen Kuss im Netz - außer man schreibt es. Das Pixel-Ich - Nr. 5 - ist selbst noch im Sex Sprache.

          Der Netzsüchtige, der Unterbewusste

          Da ist der Net-Junky, dessen Sucht ihm die Arbeitsstelle, Geld und schließlich auch das Leben kostet; da ist das Familientreffen im virtuellen Raum (dieses Jahr im französischen Landhausstil); da ist die Anmache im ganz realen Leben, die ihn in ihrem Zimmer enden lässt, gefesselt am Stuhl, gescannt und „uploaded“ auf die Page der Hardcore-Camsuppliers: SM als Scan & Mouse. Da ist der Homepagebastler, der jährlich 600 Hits hat: 360 von ihm selbst (die tägliche Prüfung, ob die Site noch da ist) und 200 von einem Fan. Wer sind die andern 40! Da sind jene, die mit ihren verschiedenen virtuellen Identitäten durcheinanderkommen und nicht mehr wissen, wo sie sich unter welchem Namen und Passwort eingelogt haben. Das Pixel-Ich - Nr. 6 - braucht eine gute Buchführung. Das Pixel-Ich, so einer, der Fazit zieht, „angelt im unterbewußtsein und taucht willentlich in gefahrvolle untiefen des eigenen unbekannt.“ Voilà: Nr. 7.

          Und noch ein Fazit

          Andere rechnen radikal ab: „Die Zukurzgekommenen, die Propheten ohne Jünger, Kommunikationskrüppel und die ungefickten Jungfrauen beiderlei Geschlechts, die Irrliteraten, die Jungmanager, die Allein- und Selbstunterhalter, die Esoteriker und Paranoiker, Egomanen und Kleinkunstdarsteller. Sie alle habe ich eigentlich schon seit Jahren satt. Ich weiß auch nicht, warum ich da immer wieder reingehe, was ich da eigentlich will. Ich gehöre irgendwie seit Jahren dazu. Im Hintergrund singen sie Hotel California: 'You can check out any time you like, but you can never leave.'“ Das steht weit am Ende und wie ein Schlusswort. Lassen wir es als solches gelten.

          Sabrina Ortmann, Enno E. Peter (Hg.), tage-bau.de - Ein literarisches Onlinetagebuch: Mein Pixel-Ich, 196 S., berlinerzimmer.de Verlag Berlin 2000, DM 28,80 DM / EUR 14,72

          Quelle: @kue

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