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Rezension : Was vom Empire übrig blieb: Viel Stoff für Geschichten

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Bild: Droemer Weltbild

“Zähne zeigen“ verlangt einen gestandenen Leseatem. Stilistisch ist Zadie Smiths Debüt keine Sensation, aber es lohnt sich, es zu lesen.

          “Zähne zeigen“ gehört auf den ersten Blick zu den Verlierern. Es ist dick, altmodisch und in aller Munde. Wäre da nicht das Kriterium des ersten Satzes.

          Ein altes Gesetz besagt, dass der erste Satz eines Romans selten zuviel oder zuwenig verspricht. Es gilt auch für das Buch von Zadie Smith: “Früh am Morgen, Ende des Jahrhunderts, Cricklewood Broadway. Um 06.27 Uhr am 1. Januar 1975.“ Allein der Anfang eines Werkes verrät uns bei genauem Hinlesen, ob es sich lohnt, das Opus als Ganzes in Angriff zu nehmen.

          "Alfred Archibald Jones trug Kord, saß in einem abgasgefüllten Cavalier Musketeer Estate, den Kopf ans Lenkrad gelehnt, und hoffte, dass das göttliche Gericht nicht zu hart mit ihm umgehen werde." Was für ein Satz. Der umfangreiche Roman beginnt mit dem Selbstmordversuch dieses auf den ersten Blick wenig symphatischen Durchschnittsengländers, dessen Ehe mit einer von erblichem Wahnsinn belasteten Italienerin, kinderlos geblieben ist. Am Neujahrstag 1975 versucht sich der Mann, in seinem Auto mit einem Staubsaugerschlauch zu vergiften.

          Das 20. Jahrhundert ist nicht jedermanns Sache

          Selbst die tröstenden Worte seines einzigen Freundes, des indischen Kriegsveterans Samad Iqbal, konnten ihn nicht davon abbringen: “Sie ist ganz einfach in die falsche Zeit hineingeboren, lebt in der falschen Zeit! Es ist nicht ihr Jahrhundert! Vielleicht nicht mal ihr Jahrtausend. Das moderne Leben hat diese Frau völlig unvorbereitet erwischt. Ihr Verstand ist hin. (...) Außerdem hat sie Dich nicht mit Kindern gesegnet.... und ein Leben ohne Kinder, Archie, wozu ist das gut?“

          Was der Inder über Archies Frau sagt, die sich als Magd des Kunstmäzens Cosimo de' Medici sieht, könnte man genauso gut über Zadie Smith sagen. Ihr Erzählen scheint, obwohl es sich vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart und wieder zurück in die Zeit der Kolonialeroberungen ausbreitet, einem völlig unmodernen Gesetz zu folgen, dem des Familienromans.

          Bunte Mittelklasse der Jahrtausendwende

          Und der bekommt seinen Schwung nun mal erst mit den Kindern. Wie Thomas Mann vor hundert Jahren die Geschichte des europäischen Bürgertums in seine “Buddenbrooks“ eingeschrieben hat, plündert Zadie Smith in “Zähne zeigen“ nun die Geschichte der Eingewanderten, der neuen bunten Middle Class im London des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Archies Selbstmordversuch scheitert, denn nur so kann die Geschichte losgehen, an seinem Parkplatz: Im absoluten Halteverbot einer koscheren Fleischerei.

          Zadie Smiths Vorgehensweise ist hochliterarisch motiviert. Als wär's ein Stück von Thomas Pynchon lernen sich die beiden Helden an einem der geruhsamen Nebenschauplätze zum Ende des Zweiten Weltkriegs kennen: Samad Iqbal, einhändiger Omar Sharif-look-alike, und Archie Jones machen aus dem gemeinsamen, mit Morphium und Tauschgeschäften überlebten gemütlichen Kriegserlebnis ein unerschöpfliches Schlachtfeld des Geschichtenerzählens, mit dem sie Frauen, Kinder, Verwandte und Bekannte immer wieder zur Weissglut bringen.

          Ich werde nicht den Fehler begehen, irgend etwas von diesen Geschichten, die sich um Iqbals schwierige Zwillingssöhne und Archies gleichaltrige Tochter mit einer Jamaikanerin drehen, zu verraten. Nur so viel: es geht um alles oder nichts, das Leben und den Tod, den Wunsch, ein anderer zu sein und die Unmöglichkeit der Erfüllung dieses Wunschesl, um Liebe, Tod, Karma und Lammcurry.

          Übergang zum Märchen ist fließend

          Dass es dazu manchmal auch seitens der Erzählerin einiger Märchenkniffe bedarf, ist kein Fehler der geschickt montierten Geschichte, die in einem dramaturgisch gelungenen Showdown und einer nicht ganz so überraschenden Reminiszenz an das Kriegsseemannsgarn der Helden kulminiert.

          “Zähne zeigen“ verlangt einiges von uns: Zeit, Geduld, sich auf die Figuren einzulassen und einen gestandenen Leseatem. Dann aber belohnt das Debüt, indem es zeigt, warum es manchmal besser sein kann, sich an E.M. Forster, Nabokov und Shakespeare zu orientieren als an Nick Hornby und Irvine Welsh.

          Stilistisch ist der Roman keine Sensation, dafür bei aller Konventionalität äußerst humorvoll. Woher allerdings eine 25-jährige die Erkenntnis, Erfahrung und Weltklugheit bezieht, um sich mit solcher Souveränität als Schriftstellerin einzuführen bleibt als Frage, wie beim damals gleichaltrigen Thomas Mann, unbeantwortet.

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