Was tut ein Vater, dessen Tochter ihm gegen seinen Willen in den Polizeidienst folgt und auch gleich in einen komplizierten Mordfall verwickelt wird? Er macht sich Sorgen. Tatsächlich ist das die einzige Funktion, die Faye Kellermans Serienheld, Lieutnant Peter Decker, diesmal zu haben scheint. Wohl ist auch er in die Ermittlungen eingebunden, aber es ist seine Tochter Cindy, die den Fall vorantreibt und dabei - leichtsinnig bis zum Übermut - sogar ihr Leben riskiert.
Denn dieser Fall hat es wahrlich in sich: Zunächst beginnt alles vergleichsweise harmlos mit einer Serie von Autodiebstählen, bei denen jeweils junge Frauen niedergeschlagen und zum Teil sogar entführt, später aber wieder freigelassen werden. Erst als die Polizei Parallelen zu einem Mord entdeckt, bei dem ein zwielichtiger Geschäftsmann ums Leben kam, laufen die Untersuchungen ernsthaft an - und erst, als Cindy zugibt, den Ermordeten, wenn auch flüchtig, gekannt zu haben, wird es richtig spannend. Aus der Ermittlerin wird eine Betroffene, die tiefer in die Sache verstrickt ist, als sie es selbst ahnt.
Spannende Handlung ...
Cindy ist eine recht sonderbare Figur: Neu im Polizeidienst, kämpft sie um Akzeptanz bei ihren vorwiegend männlichen Kollegen, was ihr Collegeabschluss und ihre allgemein als arrogant empfundene Art nicht gerade erleichtern. Wild entschlossen, sich nicht einmal ihrem Vater gegenüber eine Blöße zu geben, verschweigt sie wichtige Einzelheiten - etwa, dass Kleinigkeiten in ihrer Wohnung verändert werden oder dass sie von einem Auto gejagt wird. Erst als der mysteriöse Verfolger ihre Wohnung verwüstet, wird auch Vater Decker klar, dass seine Tochter bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt.
Ab diesem Punkt geht es Schlag auf Schlag. Deckers Ehefrau Rina, die anders als in den bisherigen Decker-Romanen diesmal sonst überhaupt keine Rolle mehr spielt, wird ebenfalls überfallen. Cindy ermittelt auf eigene Faust weiter, und immer klarer kristallisiert sich heraus, dass die Spur in die Reihen der Polizei führt. Streckenweise scheint die Autorin die einzelnen Handlungsstränge selbst nicht mehr ganz in der Hand zu haben. Zum Glück findet sie dann aber doch noch eine einigermaßen passable, wenn auch nicht allzu überraschende Lösung.
... gewürzt mit Psychologie
Ganz offensichtlich geht es Kellerman auch darum, die psychologischen Verstrickungen ihrer Figuren herauszuarbeiten - eine Aufgabe, für die sie allerdings kein besonders glückliches Händchen hat. Die Vater-Tochter-Beziehung wirkt über weite Strecken schlicht konstruiert, Decker wird vom toughen und erfahrenen Polizisten zum weinerlichen und in dieser Rolle mitunter einigermaßen nervtötenden Beschützer-Vater, während Cindy in ihrer überzogenen Sturheit kaum mehr glaubhaft erscheint. Weitaus erfreulicher präsentiert sich die Lektüre, wenn die Autorin sich auf gewohntes Terrain begibt und den Krimi nichts weiter sein lässt als eben einen Krimi.
Dann nämlich erweist sich „Die Rache ist dein“ als flottes und spannendes Werk, dem mit einem beklagenswert banalen deutschen Titel durchaus Unrecht getan wurde. Routiniert führt Kellerman ihre Figuren durch die Welt des Verbrechens, legt Hinweise aus, führt den Leser mit einer gewissen Boshaftigkeit immer wieder an der Nase herum - und erspart ihm klugerweise ein allzu perfektes Happy-End. Freilich ist der Roman alles andere als große Literatur, besser macht er sich als Abendlektüre auf dem Nachtkästchen. Dort allerdings kann er durchaus einige vergnügliche Stunden versprechen.