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Rezension : Story-Zapping: Frank Witzel nimmt die Medienwirklichkeit aufs Korn

  • -Aktualisiert am

Bild: Edition Nautilus

Müßig zu fragen, in welchem Rausch Frank Witzel war, als er „Bluemoon Baby“ schrieb. Nur was für Schwindelfreie!

          Fortschrittliche Pädagogen zweifeln an dem, was in der Schule gelehrt wird: Die Zeichensprache. Sie sei gar nicht mehr zeitgemäß und entpreche nicht dem, was die Kinder bräuchten, um auf die Herausforderungen der medialen Gesellschaft reagieren zu können. Deshalb fordern sie, dass „Bildersprache“ gelehrt werde.

          Wenn Fernsehen die Sozialisation der Kinder übernimmt, müsste den Kindern eine Anleitung zum Bilderverstehen gegeben werden. Von sich aus seien sie nicht in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem, Falsches von Richtigem zu unterscheiden. Solche Reden werden derzeit noch als Spinnerei abgetan, Rechtschreibung triumphiert.

          Verklärung

          Frank Witzel legt nun jedoch einen Roman vor, welcher der Fernsehgeneration gut als Schullektüre dienen könnte, denn er spielt literarisch mit der Bilderflut, obwohl er sie dennoch in analoger Form serviert. „Bluemoon Baby“ heißt das Werk, und es ist mitnichten ein Genuss. Irrsinnige Stories reihen sich aneinander: Von Lehrern, die auf der Suche nach Liebe sind; von ehemaligen Häftlingen, die Sekten gründen; vom Geheimdienst, der die Kriminalität schürt; von Menschen, die ohne Knochen leben; von Psychiatern, die bisher nicht gekannte Phobien attestieren; von gewalttätigen Jugendlichen, die hinterher Staranwälte werden; von Müttern, die ihre Kriegsvergangenheit einholt; von alternden Schlagerstars, die lesbische Doppelgängerinnen erschießen und mehr. Gemäß ihres TV-Vorbildes zeichnet sich jede Episode dieses Programmromans durch Trivialität und einen Hang zum Gewalttätigen aus.

          Vordergründig steht jede Story für sich. Durch wildes Hin- und Herspringen von einer zur anderen und durch überraschende Wendungen gelingt es dem Autor dennoch, die unterschiedlichen Episoden zu verbinden. Wie jemand, der sich gekonnt durch 35 Fernsehkanäle zappt und alle Programme gleichzeitig verfolgt, verschmelzen auch im Buch die verschiedenen Erzählstränge zu einem hyperrealen Cocktail. Nichts mehr ist unmöglich.

          Die Handlungsstränge bestechen durch unerwartete Wendungen. Sie folgen dem Motto, nach dem auch der Witzelsche Geheimdienst im Buch agiert: Nicht Begründungen sind wichtig, sondern Gründe, warum eine Geschichte nur so verlaufen kann und nicht anders. Auf Überraschungen kann jeder gefasst sein, und bei "Bluemoon Baby" ist es gut, sich damit nicht allzu schwer zu tun.

          Das Buch persifliert die Unterhaltungsbranche, die Inhalt durch Form ersetzt hat. Innere Entwicklungen, Unwägbarkeiten oder gar Konjunktive sind im Fernsehzeitalter nicht mehr notwendig. Das Gesamtprogramm ist der Indikativ.

          Aufklärung

          Handlung ohne Tiefe, Figuren ohne Seele, Action ohne Sinn, einen Spinner als Autor. Das ist die eine Seite von „Bluemoon Baby“. Die andere: moralische Correctness. So gibt es jede Menge philosophischer Wahrheiten, die - so sie denn dem Autor zugeschrieben werden können - diesen durchaus als einen Wahrheitsfantatiker zeigen. Die Seitenhiebe gegen den Geheimdienst, die Medien, das Showgeschäft, den Lehreralltag, die Individualitätssucht und den alltäglichen Wahnsinn bergen trotz grandioser Übertreibung immer einen Rest Wahrheit. Nach dem Motto: „Trotzdem, auch wenn ich mich wiederhole, wenn Sie mich fragen, das, was mir wirklich Angst macht, das ist die Tatsache, daß man überhaupt nicht kontrollieren kann, was aus Information wird. Wo Information hingeht.“

          In einem Punkt treibt der Autor seine Correctness geradezu auf die Spitze. Pay-TV kommt nicht vor, und auf über 300 Seiten gibt es keine Werbung, keinen Sportkanal und nur ein einziges Mal angedeuteten Sex. Letzterer findet zwischen zwei Frauen statt.

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