12.10.2001 · V.S. Naipaul setzt sich in "Dunkle Gegenden" mit Themen aus Afrika und Südamerika auseinander.
Von Peter ThomasDieser unbestechliche Beobachter ist immun gegen die betäubende Romantik des Exotischen. Das dürfte der Grund sein, warum V.S. Naipaul von seinen Kritikern immer wieder bezichtigt wurde, auf Seite der Imperialisten zu stehen. Dieser Vorwurf trifft nicht zu auf einen Schriftsteller, der seine Stoffe in der ständigen Wanderschaft findet, die ihn aus der westlichen Zivilisation in politisch, wirtschaftlich oder sozial zerrüttete Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas führt.
Wenn der Träger des Literatur-Nobelpreises 2001 über die Slums in Zaire schreibt, marode Dampfer auf afrikanischen Flüssen dahinziehen lässt, die gescheiterte Revolution in Guyana beschreibt, bleibt sein Ton präzise, der Blick des Erzählers spiegelt kühle Reflexion.
Distanz und Analyse
Diese Haltung wird am deutlichsten in Naipauls großen Reportagen. Die Distanz des Autors zum direkt Erlebten und dessen ständige Analyse machen seine umfangreichen Reiseerzählungen zu faszinierender Literatur, nicht die Szenen intensiver sinnlicher Eindrücke. "Dunkle Gegenden" heißt ein Sammelband, in dem sechs dieser Texte 1995 als Band der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen.
Die Reportagen von epischer Länge sind zwischen 1974 und 1991 entstanden, ihre Themen stammen aus Afrika und Südamerika. Nur der erste Text "Conrads Finsternis" fällt aus dem Rahmen, wendet sich ganz Naipauls literarischem Vorbild Joseph Conrad zu. Wie dieser beherrscht der 1932 auf Trinidad geborene britische Nobelpreisträger wohl die eindringliche ästhetische Naturbeschreibung.
Ein Mann von Ehre
Aber diese Reportage eines Lesenden über die Welt der Bücher macht eine Erkenntnis Naipauls deutlich: dass es wichtiger ist, das Land zu kennen, über das man schreibt, als sich in buntromantischen Beschreibungen zu verlieren. Wer diesen Realismus nicht versteht, unterschätzt Naipauls Essays so, wie die Kritik die Texte Conrads missverstand: "Mit Conrad verbindet man den imperialistischen Mythos vom Mann der Ehre, vom Mann, der das Meer stilisiert. Damit verfehlt man das Beste an Conrad", postuliert Naipaul in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Idol.
Mit trockener Ironie, manchmal an der Grenze zum Zynismus, reflektiert Naipaul in seiner 1975 entstandenen Reportage über Zaire den Niedergang des ehemaligen Belgisch-Kongo. Die neue Bourgeoisie, die unter dem Fähnchen afrikanischen Selbstbewusstseins das Land noch schlimmer ausbeutet als die Kolonialregierung, wird zum Zerrbild der Gesellschaft.
Geschichten und Geschichte
Die umfangreiche Reportage über den Aufstieg des Potentaten Mobuto ist heute fast schon ein historisches Dokument, in dem Naipaul Überlegungen zur politischen Zukunft des Kontinents anstellt: "Mobuto und der Nihilismus Afrikas" heißt der Text.
In den Afrika-Reportagen werden die Geschichten Joseph Conrads immer wieder zur Folie. In ihnen lässt Naipaul die Gegenwart sich spiegeln, deckt Parallelen auf zwischen dem verrohten Sklavenhändler Kurtz in "Herz der Finsternis" und der Persönlichkeit Mobutos.
Große Zusammenhänge
Mehr als für einzelne Personen interessiert sich Naipaul in seinen Reportagen allerdings für das Geflecht von politischer Macht und moralischen Normen. Das macht seine Beobachtungen des Einzugs der amerikanischen Truppen nach dem Grenada-Krieg so faszinierend: Wie reagiert das Land, dem die Revolution zuvor so "künstlich aufgepfropft" worden war wie jetzt die militärische Auseinandersetzung?
Die abstrakte Ebene, auf der parallel zum Handlungsverlauf das vom Autor erlebte reflektiert und eingeordnet wird, ist am stärksten in den späten Texten des Sammelbands. Die 1991 über die Auswirkungen des "schmutzigen Krieges" von 1977 in Argentinien entstandene Reportage wird wieder zum Schlüsseltext.
Hatte sich Naipaul in der ersten Geschichte aus der Perspektive des Lesers mit Joseph Conrads literarischem Werk auseinandergesetzt, thematisiert er in der letzten Reportage die Schwierigkeit des eigenen Schreibens.