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Rezension Skelett aus Zuckerguss

09.08.2002 ·  Das blaue Kleid, die letzte und überragende Schöpfung eines aidskranken Designers, wird, so prophezeit dieser selbst, jede Frau, die es trägt, verwandeln; und wer sich auf Dörries Buch, dem es den Titel gibt, einlassen will, wird sich mit ihm ebenfalls leichtfüßiger fühlen und leichtsinniger sein als sonst.

Von Hannelore Schlaffer
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Die Poesie ist durch und durch weiblichen Geschlechts. Sie soll - delectare! - das Gemüt erheitern, und wenn man sie dafür lobt, daß sie es tut, ist sie beleidigt. Auf einmal will sie tiefsinnig, anrührend, moralisch sein - prodesse! Wie also wird die Muse reagieren, die Doris Dörrie geküßt hat, wenn man ihr sagt, daß ihr Musenkind ein heiteres Buch voller ermunternder Szenen hervorgebracht hat, das Sinnfragen bestimmt nicht beantworten, wohl aber manch fade Stunde ins Nichts einer unterhaltsamen Fiktion auflösen kann?

Das blaue Kleid, die letzte und überragende Schöpfung eines aidskranken Designers, wird, so prophezeit dieser selbst, jede Frau, die es trägt, verwandeln; und wer sich auf Dörries Buch, dem es den Titel gibt, einlassen will, wird sich mit ihm ebenfalls leichtfüßiger fühlen und leichtsinniger sein als sonst.

Doris Dörrie ist eine schlaue Autorin, die weiß, daß der Schmerz am schönsten da ist, wo er aufhört, und genau an diesem Punkt setzt ihre Erzählung ein. Ihr Romanpersonal besteht aus zwei Toten und drei Überlebenden samt ein paar Nebenfiguren. Das Glück schleicht sich bei den beiden Trauernden, die ihre große Liebe haben begraben müssen, rund um den Friedhof herum wieder ins Herz ein und läßt sich endgültig darin nieder bei einem orgiastischen Totentanz, dem die zwei Trauernden in Mexiko beiwohnen.

Dörrie erzählt eine Auferstehungsgeschichte, die lustig über viele Anekdoten dahintorkelt. Der Leser nimmt diese wie kleine Geschenkartikel, in die immer auch ein Stück von ihm selbst hineinverpackt ist. Deshalb wickelt er sie - und sich selbst zugleich damit - auch gerne wieder aus dem Papier des Buches aus und meint, er habe so ein Stück aus dem Leben erwischt. Die Gebote des realistischen Romans - die große Tendenz einer absehbaren Entwicklung mit kleinen, überraschenden Details zu durchmischen und so die unvorhersehbare Wirklichkeit mit Worten einzufangen - handhabt die Autorin mit Bravour.

Die Versündigung zum Beispiel, die jede Rückkehr ins Leben und jede Abkehr von den Toten bedeutet, beginnt im wörtlichen Sinne mit einem Stolperer: Der zukünftige Liebhaber vertritt sich, um den Friedhof joggend, den Fuß und muß von der Trauernden getröstet und gepflegt werden. Nun stolpern also die beiden über allerlei Zufälle, auch über Erinnerungen an die Vergangenheit, die die Gegenwart verdunkeln, über Seitensprünge etwa, die noch im Schatten des Todes gewagt worden waren, über Visionen auch von Seitensprüngen, die vielleicht in nächster Zukunft dem neuen Freund zuzumuten eine Verlockung wäre, einer herzlichen Liebesbindung entgegen.

Noch mit dem letzten Satz beweist Doris Dörrie ihre Fähigkeit zur ironischen Distanz dem eigenen symbolstiftenden Metier gegenüber. Das Mädchen mit dem blauen Kleid hat dem neuen Geliebten vom makabren Totenfest in Mexiko ein in Zucker gegossenes Skelett mitgebracht, das das endlich vereinte Paar in stiller Liebeslust, gemeinsam daran lutschend, ins süße Nichts befördert: Bald ist der Tod, so endet die Geschichte einer heftigen Trauer, "nur noch ein Klumpen Zucker ohne Namen".

Ist die Heldin des Romans mehr Witwe von Ephesus oder eher eine neue Eurydike? Als emanzipierte Frau jedenfalls hat sie nicht mitsterben wollen mit dem Geliebten, und wenn sie den dahingegangenen Orpheus durch ihren Schmerzgesang nicht wieder zurück ans Licht locken kann, gibt sie gerne nach. Wo statt Orpheus dann aber eine Romanschriftstellerin weiterdichtet, wird es nicht elegisch, sondern vielleicht ein bißchen banal, dafür aber um so heiterer.

Doris Dörrie: Das blaue Kleid, Roman, 177 S., gebunden, Diogenes Verlag, Zürich 2002, EUR 16,90

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2002, Feuilleton, Seite 34
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