12.10.2006 · Nichts in diesem herausfordernden Buch ist nur schwarz, und einzig der Schnee, der unaufhörlich darin fällt, scheint weiß und rein. Wer diese Reinheit bewundert, sollte sich vor Schneeblindheit hüten.
Von Hubert SpiegelEine Theaterbühne in einem der hintersten Winkel der Türkei. Ein Mann und eine Frau streiten über das Kopftuch, mit dem die schöne junge Frau ihr Haar verhüllt. Darf sie gezwungen werden, das Kopftuch abzulegen? Was wiegt schwerer, die Staatsräson eines säkularen Staates oder die persönliche Freiheit eines religiösen Glaubens? Und wann ist die schöne Kadife eigentlich frei? Wenn sie das vermeintliche Symbol der Unterdrückung der Frauen im Islam gegen ihren Willen ablegt oder es stolz und aus freien Stücken trägt? Darf sie zu einer Freiheit gezwungen werden, die für sie die größte Unterdrückung wäre?
Das Theaterstück, das in der kleinen, heruntergekommenen Stadt Kars aufgeführt wird, stammt aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Jetzt wird die Aufführung vom lokalen Fernsehsender „Grenzland-TV“ übertragen, und sämtliche Bewohner von Kars sitzen vor ihren Fernsehern, verfolgen gebannt die erste Live-Übertragung in der Geschichte ihres Heimatortes und fragen sich, wie es möglich ist, daß die neunzig Jahre alten Dialoge klingen, als stammten sie von heute. Hat sich nichts geändert in der Türkei? Kehrt die Geschichte unversehens zurück? Oder leben die Bewohner der Grenzstadt im äußersten Winkel Ostanatoliens in einem Zeitloch zwischen Vergangenheit und Zukunft?
Orhan Pamuks Roman „Schnee“ beschreibt auf vielen Ebenen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Viele Dinge, die nicht zusammenpassen, greifen in Kars auf unbegreifliche Weise ineinander. Wie zu Zeiten Atatürks liegen säkulare und religiöse Kräfte wieder im Streit miteinander. Enttäuschte Linke, revolutionäre Islamisten und kurdische Nationalisten kommen hinzu, und im Hintergrund ziehen Polizei, Militär und Geheimdienste die Fäden. Mit den Gewißheiten und Überzeugungen der Figuren dieses Romans verhält es sich dabei so wie mit dem Schnee, der ihm den Titel gegeben hat: Sie können alles verändern, verhüllen und unter einem dicken, weichen Mantel verschwinden lassen. Und sie können in Sekundenschnelle schmelzen, wie eine Schneeflocke, die auf eine warme Motorhaube fällt.
In den schweren Lastwagen, die nachts durch Kars fahren, sitzen Soldaten und Angehörige eines obskuren Sonderkommandos. Sie stürmen die Bühne, als das Geschehen dort zu eskalieren droht, und die Bewohner von Kars glauben zunächst, all dies gehöre noch zum Stück: die Uniformen, die Schüsse, das Blut. Aber die Soldaten sind echt. In Kars, wo ein Sieg der Islamisten bei den Bürgermeisterwahlen bevorsteht, findet eine Militäraktion statt. Menschen werden erschossen, verhaftet, zusammengeschlagen und mißhandelt.
Der Dichter Ka wird in dieser Nacht zum Verräter. Er, der in der großen Stadt Istanbul aufwuchs, aber seit Jahren im politischen Exil in Deutschland lebt, war gekommen, um eine Reportage über das Städtchen zu schreiben, in dem sich mehrere junge Frauen umgebracht haben. Die sogenannten „Turban-Mädchen“ wurden vom Rektor der Hochschule verwiesen, weil sie sich weigerten, ihre Kopftücher abzulegen. Der Rektor handelte auf Anweisung der Regierung, die Mädchen handelten aus Überzeugung, aus Verzweiflung und Stolz.
Vor der Theateraufführung spricht Ka mit allen Beteiligten, also mit der ganzen Stadt. Er geht zu den Eltern der Toten und zu ihren Freundinnen, er redet mit den jungen Männern der Predigerschule, die in die „Turban-Mädchen“ verliebt sind, und er redet mit der Polizei, die ihm sofort einen Beamten zur Seite stellt, der ihn begleitet, bespitzelt und beschützt. Aber Ka hatte noch einen anderen, wichtigeren Grund, in die entlegene Stadt zurückzukehren, die ihm in seiner Jugend vertraut war. Hier lebt die schöne Ipek, eine Freundin aus Studientagen und das Ziel seiner Sehnsucht.
In Deutschland ist Ka ein türkischer Dichter, der nicht mehr schreiben kann und in seiner kleinen Wohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel an Einsamkeit, Entfremdung und Depression zugrunde geht. In Istanbul ist er einer von vielen, die irgendwann aus politischen Gründen das Land verlassen haben und nach denen heute kein türkischer Hahn mehr kräht. In Kars ist er doppelt fremd, weil er aus dem fernen, als westlich geltenden Istanbul stammt und nun in Deutschland lebt. Aber zugleich gilt er hier als großer türkischer Dichter, als eine Berühmtheit, der Ehrerbietung gebührt.
Im Gespräch mit dem Besitzer der „Grenzstadtzeitung“ erhält Ka nun eine Lektion in modernem Lokaljournalismus: In einem Bericht über den Theaterabend, der verfaßt wurde, bevor das Ereignis stattfand, liest Ka zu seinem Erstaunen, wie er im Theater ein Gedicht vorträgt, das er noch gar nicht geschrieben hat. Der Lokalreporter klärt ihn auf: „So manchen Vorfall hat es nur gegeben, weil wir ihn im voraus zur Meldung gemacht hatten. Das ist moderner Journalismus! Ich bin sicher, daß Sie erst ein Gedicht mit dem Titel ,Schnee' schreiben und sich dann dorthin begeben und es vortragen werden, um uns nicht in unserem Kars das Recht auf Modernität zu nehmen und unser Herz zu brechen.“
Genauso wird es kommen. Ka stürzt sich in die größten Herzensverwirrungen mit der schönen Ipek und ihrer Schwester Kadife, er muß mit ansehen, wie ein Fanatiker den Hochschuldirektor vor seinen Augen erschießt, er küßt einem fundamentalistischen Scheich in einer plötzlichen aufwallenden Glaubenssehnsucht die Hand; er weint um einen Jungen aus der Predigerschule, der die Gattung der islamischen Science-fiction begründen wollte, und er wird in das Versteck eines im ganzen Land gesuchten Terroristen geführt. Aber noch im größten Taumel der Ereignisse setzt Ka sich plötzlich in einen stillen Winkel und schreibt Gedichte, die ihn hier, in Kars, dem Kaff am Rande von Revolution, Putsch und Bürgerkrieg, plötzlich wieder zufliegen. Ka kann schreiben, weil ihn die ganze Stadt für einen Dichter hält. Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern macht auch Dichter.
Der Glaube ist der Motor, der die Geschehnisse in Kars vorantreibt. Glaube und Unglaube, Irrglaube und Aberglaube sind unheimliche Kräfte, die geben und nehmen, beflügeln und lähmen, heilen und zerstören. Aber Orhan Pamuk hat keinen theologischen Roman geschrieben. Die Frage, ob es einen Gott gibt und welche seiner Gebote auf welche Weise zu befolgen seien, bleibt unbeantwortet. Pamuk zeigt, was mit Menschen geschieht, die sich solche Fragen stellen und darüber in immer größer, immer undurchschaubarer werdende Zusammenhänge geraten. Darin besteht die Faszination dieses Romans: Indem Pamuk zeigt, wie das Privateste zum Öffentlichsten, wie Religion zur Politik und Politik zur Religion wird, läßt er uns nicht nur etwas über Kars, die Türkei und den politischen Islam erfahren, sondern macht uns begreiflich, warum uns das etwas angeht.
Es ist beileibe nicht immer einfach, diesem verschachtelten, mehr als fünfhundert Seiten umfassenden politischen Roman zu folgen, der auch Künstler-, Kriminal- und Liebesgeschichte sein will. Pamuk besticht durch seine Dialoge, die komplexe Konstruktion und die subtile Zeichnung seiner Figuren, aber nicht selten ist er langatmig, umständlich, stilistisch zuweilen recht unambitioniert und überdies maßlos in seinem Anspruch. Denn die vermessene Behauptung, mit der Pamuk antritt, lautet: Es kann euch nicht egal sein, was in dem ostanatolischen Kaff, dessen Namen ihr nie zuvor gehört habt, vor mehr als zehn Jahren im Laufe einiger verschneiter Wintertage so oder so ähnlich geschehen sein könnte. Nach der Lektüre dieses Buches ist es uns tatsächlich nicht mehr egal. Das ist kein Wunder, sondern Literatur.
In seiner Heimat wird derlei noch immer gefürchtet. Deshalb ist Orhan Pamuk in große Schwierigkeiten geraten. Zu dem Ärger, den sowohl der politische Islam wie das säkularistische Militär über seinen Roman empfinden, kam offene Empörung, als Pamuk in einem Interview in einer Schweizer Tageszeitung äußerte, die Türkei müsse sich den historischen Untaten an den Armeniern endlich stellen. Er wurde beschimpft und bedroht, mußte Lesereisen aus Sicherheitsgründen absagen und verließ schließlich vorübergehend sein Heimatland. Hierzulande sehen manche darin eine Bestätigung ihrer Überzeugung, daß die Türkei nicht in die Europäische Union gehöre. Pamuk selbst hat dem widersprochen. Sein Roman indes bezieht in dieser Frage keine eindeutige Position. Nichts in diesem herausfordernden Buch ist nur schwarz, und einzig der Schnee, der unaufhörlich darin fällt, scheint weiß und rein. Wer diese Reinheit bewundert, sollte sich vor Schneeblindheit hüten.