09.05.2002 · Neuer Roman: Ernst-Jürgen Dreyers kunstvolles Buch „Die Spaltung“ verbindet die Teilung Deutschlands mit der Schizophrenie seiner Hauptfigur.
Von Roland MischkeDer Student Lutz Landmann lebt in Leipzig, seine Braut in Frankfurt am Main. Die beiden haben sich kennen und lieben gelernt, als die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten noch einigermaßen offen war. Nun steht die Mauer in Berlin, und die beiden, die zueinander gehören, können einander nicht mehr begegnen.
Eine kafkaeske Situation, von der sich Nachgeborene kaum eine Vorstellung machen können. Deshalb hat Ernst-Jürgen Dreyer in seinem Roman „Die Spaltung“ den Gefühlsstau seines Protagonisten aus dessen Innensicht protokolliert.
Der Autor dieses groß angelegten Versuchs, der sich durchaus an den Texten eines Beckett oder Kafka messen lässt, ist nahezu unbekannt. Klar ist, dass Ernst-Jürgen Dreyer aus der Gegend um Leipzig stammt und 1959 die DDR verließ. Sein Roman ist eine Aufarbeitung der Zeit des Kalten Krieges, in der für das die Menschen Wärmende und Bergende, die Liebe, wenig Raum blieb.
Die Liebesgeschichte im Kontext des gespaltenen Deutschland läuft auch auf eine Persönlichkeitsspaltung hinaus. Der Protagonist Landmann wird mit der erzwungenen Trennung von seiner Braut nicht fertig, versucht ständig bei Ämterbesuchen und Langzeitunterredungen mit Behördenvertretern eine Reise genehmigt zu bekommen, stets erfolglos, und beantragt, dass wenigstens sie eine Besuchserlaubnis erhält, was ebenfalls abgeschlagen wird.
Spaltung im Kopf
Die Spaltung geschieht daraufhin im Kopf Landmanns, als eine Aufsplitterung von Wirklichkeit. In Wahrnehmungen und Erinnerungen, überlagert von Assoziationsketten und Träumen, Wortklängen und Ängsten splittert sich der Student schizophren auf in Lutz und Robert, Landmann und L., Zwiefalten, Johannes Morio Zwifeldensis oder N.
Das führt ihn langsam aber sicher ins Wahnhafte, obgleich es am Ende tatsächlich noch zur realen Begegnung der Brautleute kommt. Es könnten allerdings auch Fieberphantasien Landmanns sein.
Gedankenstrom traumhafter Erinnerungen
Im ersten des aus vier Teilen bestehenden Romans werden die Widrigkeiten, die dieser Liebe entgegenstehen, geschildert. Im zweiten Teil greifen Gott und die himmlischen Heerscharen ins Geschehen ein. Teil drei ist ein Puzzle aus 47 Einzelerzählungen, die alle irgendwie verknüpft sind, ohne dass ihr Muster verständlich wird. Im letzten Teil darf Landmann zu einer Tagung nach West-Berlin, trifft dort seine Braut und wird nach der Rückkehr der Republikflucht verdächtigt. Eine Handlung im eigentlichen Sinne ereignet sich nicht, der Roman ist als endloser Gedankenstrom traumhafter Erinnerungen angelegt.
In subtiler und intensiver Form wird der individuelle Zerfall durch politische Pression geschildert. „... und da sich, während in Wahrheit die Leidenschaft schon in dem gewöhnlichen, wie gewöhnlich vor sich verheimlichten, schwindelhaften, schwindelerregenden Schwinden begriffen war, immer weiter mit ihrer sich ausbreitenden Kenntnis des Gerüchts ihres Brennens, ihrer Untilgbarkeit verbreitete,“ heißt es, „war das Gefühl der Liebenden selbst getäuscht, ja, von den Schwierigkeiten, die sich ihnen entgegenstellten, wurde die Liebe zwischen ihnen scheinhaft immer weiter genährt und entflammt.“
Virtuose Prosa
Erschwerend für den Leser kommt hinzu, dass Dreyer seinen Roman in Form einer Collage angelegt hat. Er spielt mit Buchstabenketten und Klangfolgen, berichtet von Gesprächen unter Freunden und Begegnungen, setzt das Erwachen der Vögel in Lautmalerei um und gefällt sich in logischen Diskursen, sächselt schnoddrig daher und ergeht sich in Alltagsgeschwätz. Die literarische Treffsicherheit blitzt immer wieder durch, etwa in den Metaphern: „Dies Reden ohne Zwang und Habacht gleicht fast schon dem Aneinanderkuscheln von Tieren“.
Drastische Komik durchwürzt das Ganze, aber stets ist es durchdrungen von Gefahr, Angst, Ausgeliefertsein. Dreyer beschreibt einen Ist-Zustand in extremer Verdichtung. Dass er dafür so berühmt werden wird wie einst sein Vorbild James Joyce, ist unwahrscheinlich. Doch ein virtuoses Stück Prosa ist dem Autor gelungen.
Der Stroemfeld Verlag, der einen Stoff, der verloren zu gehen drohte, gerettet hat, macht es spannend für den Leser, weil er einen begleitenden Materialienband in den Schuber gesteckt hat. Darin wird die Fülle des vom Autor ausgebreiteten Materials dargestellt, sind Schauplätze des Romans in Fotografien und Stadtplänen dargestellt, werden Rezeptionszeugnisse nebeneinander gestellt und bekommt der Autor noch mal Gelegenheit, seinen literarischen Ansatz zu erläutern.