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Rezension: Mein Jahr als Mörder Es fällt kein Rechtsstaat vom Himmel

 ·  „Mein Jahr als Mörder“: F. C. Delius blickt auf seinen Zorn zurück.

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In der Geographie der Erinnerung liegt Wehrda zwischen Prousts Combray und Günter Grass' Danzig. Benötigte man dort Gebäck beziehungsweise Brausepulver, um das literarische Gedächtnis zu vitalisieren, so braucht man fürs hessische Wehrda eine gut abgehangene Leberwurst. Das behauptet jedenfalls Friedrich Christian Delius, der es wissen muß, denn er ist in Wehrda aufgewachsen. Hierher führen die Erinnerungen zurück, die in seinem neuen Roman in mehreren Schichten übereinander abgelagert sind: 1968, fünfziger Jahre, NS-Zeit - und darüber die Gegenwart als Zeit des Erzählens und Erinnerns. Die Epochen sind nicht säuberlich zu trennen, sondern ineinander verwirkt. Delius geht deshalb nicht chronologisch vor. Er führt die einzelnen Abschnitte parallel und zeigt darin die Macht des Verdrängten, die unerlöste Gegenwart der Geschichte in jedem Augenblick.

"Mein Jahr als Mörder" ist ein Buch über Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert. Es beginnt im Jahr 1968. Der Ich-Erzähler war damals Literaturstudent in West-Berlin. Aus den Nachrichten des Rias erfährt er, Hans-Joachim Rehse, einst Richter am nationalsozialistischen Volksgerichtshof unter Freisler, sei freigesprochen worden. Spontan beschließt er, diesen Mann zu ermorden. Denn Rehse hat den Vater seines besten Freundes Axel auf dem Gewissen, mit dem zusammen er die Nachkriegssommer der Kindheit in Wehrda verbrachte. Dieser unbekannte Vater, Georg Groscurth, war zusammen mit Robert Havemann führender Kopf der Widerstandsgruppe "Europäische Union". Ende 1943 wurde er verhaftet, von Rehse zum Tode verurteilt, im Mai 1944 in Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil hingerichtet. "Kopf abgehackt" heißt das Kapitel, in dem der Junge davon erfährt und sich dieses Kopfabhacken so vorstellt, wie er es vom Schlachten von Hühnern kennt.

Sein Mord- und Racheplan führt mitten hinein ins Jahr 1968. Gewalt ist in dieser Zeit kein abwegiger Gedanke. Martin Luther King und Robert Kennedy wurden ermordet, Rudi Dutschke niedergeschossen, es gab Massaker in Vietnam und Mexiko, einen Aufstand in Paris und russische Panzer in Prag. Da wurde, mit einer Parole der Studenten, "Widerstand zur Pflicht". Konkrete politische Handlungen waren gefragt; alle Theorie mußte in Aktion münden, und auch die Literatur bewies ihren Wert erst in der Handlungskonsequenz. Delius' Erzähler beginnt nun mit Recherchen über den Richter R. und vor allem über Georg Groscurth. Er will gewissermaßen das Buch zur Tat schreiben. Es soll erscheinen, nachdem er seinen guten und gerechten Mord begangen haben wird. So stellt er sich das perfekte Marketing vor.

Mein Jahr als Mörder" ist eine spannende Dokumentation. Man sollte den Text weniger als Roman denn als Sachbuch lesen, damit der brisante Stoff nicht im Reich der Fiktionen neutralisiert wird. Delius, mit Groscurths Söhnen von klein auf befreundet, hat dafür zahlreiche Gespräche geführt, Aktenmaterial und Briefe gesichtet, die Autobiographie des Verlegers Hermann Kindler gelesen, der in der "Europäischen Union" mitarbeitete, und aus Ruth Andreas-Friedrichs Tagebuch "Der Schattenmann" den Bericht eines Augenzeugen über die Hinrichtung zitiert. Die Romanhandlung ist gegenüber dem Faktenmaterial fast nebensächlich.

Georg Groscurth arbeitete als Arzt im Berliner Robert-Koch-Krankenhaus. Weil jüdische Ärzte dort nach 1933 entlassen und durch SA- und SS-Ärzte ersetzt wurden, war er einer der wenigen kompetenten Mediziner. Führerstellvertreter Rudolf Heß vertraute ihm, machte ihn sogar zu seinem Leibarzt. Im Schutz dieses Verhältnisses konnte Groscurth zusammen mit dem Chemiker Robert Havemann, dem Dentisten Paul Rentsch und dem Architekten Herbert Richter und rund zwanzig anderen die "Europäische Union" aufbauen. Sie halfen Zwangsarbeitern und Menschen in der Illegalität, arbeiteten mit Tschechen, Slowaken, Polen, Russen zusammen, versteckten Juden, versorgten sie mit Lebensmitteln.

Groscurth wollte praktische Hilfe leisten. Delius zeichnet ihn als tätigen Humanisten ohne konkrete politische Ziele, der in der Zeit der Barbarei durchhalten wollte bis zum Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft. Anders Robert Havemann, der nicht gut wegkommt: Er suchte Kontakt zu den Sowjets, druckte mit großem Risiko Flugblätter, gefährdete aus "Ehrgeiz und Eitelkeit" die Gruppe und machte sich dadurch mitschuldig am Tod der Freunde. Havemann war der einzige, dessen Todesurteil nicht vollstreckt wurde, weil es ihm gelang, die kriegsentscheidende Bedeutung seiner Forschung glaubhaft zu machen. Der weitere Lebensweg Havemanns nach dem Krieg, vom überzeugten Stalinisten zum führenden Dissidenten der DDR, ist bekannt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite L17
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