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Rezension: Lyrik Gellen der Tinte, Beben der Schrift

06.11.2002 ·  In seinem neuen Gedichtband unternimmt Thomas Kling "Sondagen" als Grabungen im topographischen wie sprachlichen Gelände.

Von Heinrich Detering
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Am Anfang aller Poesie steht der Zauber, als Sprach- und Schrift-Magie in einem ganz wörtlichen Sinn. Hinter dem althochdeutschen zaubar nämlich verbirgt sich etymologisch der angelsächsische téafor, der Farbstoff, der die Runenzeichen im Stein sichtbar macht. Mit der blutrot gefärbten Geheimschrift, mit Heilungszauber und Bienenbeschwörung, begann der zweitausendjährige Durchgang durch die Poesie, den Thomas Kling im letzten Jahr in seiner großen Anthologie "Sprachspeicher" unternommen hat. In derselben Schrift hat man sich auch seinen neuen Gedichtband zu denken - den ersten seit dem vor drei Jahren erschienenen "Fernhandel" und den umfangreichsten seines bisherigen Werks.

In den Zauberformeln entdeckt Kling Urmuster der Weltwahrnehmung und der Versuche, sie sprachlich zu bannen. Wer diese Gedichte liest, sieht Gespenster. Er sieht den wortmächtigen "wespenbanner / der wußte den richtigen spruch", er sieht Hexen und Untote, Wiedergänger von Vergangenheiten, die zu geisterhaftem Leben erwachen. Er erfährt nicht nur etwas "Über die Art wie sie Hagelschlag zu erregen pflegen", über die Anwendungen "der flut-, der flugsalbe", über "das stinkende haar / Und das blut und die pisse" - er erblickt dies alles auch in Klings Bildvorlagen, in den Hexenbildern Baldung Griens und des Hexenhammers, und zugleich aus den Augen des ängstlich voyeuristischen Schreibers, der die peinlichen Befragungen mit zitternder Feder protokolliert. Und da werden auf einmal postmoderne Metaphern wie die vom "beben der schrift" wieder so neu und konkret, als hätte Kling sie eben erfunden.

Wer diese Zaubersprüche liest, hört mit albtraumhafter Schärfe das "gellen der tinte", das "fading" der Pythia, den "ohrenbetäubenden schneefall" am Waldrand. In den Leichenbildern, die Juan Valdés Leal 1672 in Sevilla gemalt hat, erblickt er die "gelockte bischofsmumie" und die von Käfern überkrochene Tiara; vorbei an den barocken Vanitas-Emblemen fällt sein Blick hinab ins "beingewölb aus staub und mulm", in dem das leitmotivisch eingesetzte "teure tuch" der Toten am Ende nur noch Tuch ist, ohne Beiwort; in dem plötzlich, die Epochen verwirrend und vereinend, eine Fotografie aus dem spanischen Bürgerkrieg aufblitzt und in dem endlich, als triumphierender "kerzenlöscher", der leibhaftige Tod erscheint.

Klings "Sprachspeicher", den der erste Merseburger Zauberspruch eröffnet hatte, endete mit Versen von Marcel Beyer. Auch dessen Bienen-Gedichte und archäologisch-poetologische Metaphern hallen nun in Klings Klangraum wider. Wie Beyer jüngst in dem Band "Erdkunde", so unternimmt auch Kling seine "Sondagen" als Grabungen im topographischen wie sprachlichen Gelände. Doch dieser Archäologe ist ein maskierter Medizinmann, ein Schattenbeschwörer des Imperfekts. Die technisch verfeinerten Instrumente verwandeln sich in seinen Händen zu magischem Gerät. Durchs "sprachrohr" blickend, entdeckt er eine "zielperson mit geweihmaske"; seine "wärmebildkamera" richtet er aufs schmutzverkrustete "hexenhemd"; er hört Beowulfs Seewetterbericht "mächtige / seeschlangen voraus" melden, und "dem bildstrom / längs macht fahrt das gedicht. ist lesbare sprachküste".

Sehr weit hinab geht diese Fahrt, aus den Nato-Bunkern in den Hades der Eurydike, zu Mars und Minerva, zu Sprüchen Anaximanders und des delphischen Orakels, die Kling der "Griechischen Anthologie" nachdichtet, und in die dionysischen Lavaströme unterhalb aller Geschichte. Immer tiefer, von der Gegenwart im ersten Kapitel bis in die antiken Anfänge des vorletzten, senkt sich das poetische "bleilot" in jenen "brunnenbereich", den man wohl unergründlich nennen sollte. Wer mit Kling in die Schlünde der Vergangenheit hinabgefahren ist, sieht nach dem Wiederauftauchen die Gegenwart mit anderen Augen - die erstarrten Basalte in den lichten Gehölzen der Eifel beispielsweise, hinter der aufgegebenen Raketenstellung von Hombroich, dort, wo Kling heute lebt: "bröckelig eine ausgeglühte / vom besenginster bald / schon beleuchtete gegend". Bis zur Verschmelzung durchdringen sich die Zeiten und Medien, die Kriege der angelsächsischen Helden und die der Nato, die Pergamente und die Tonbänder, der Kiel der archaischen Boote und der gleichnamige Reichskriegshafen.

Die Suggestionskraft dieser Wort- und Bildfügungen ist um so größer, als sie hier mit hypnotischer Präzision artikuliert werden. Der Soundmix der Sprachen und Zeiten, das Flimmern und Rauschen der Monitore, das sich in Klings bedeutendem Frühwerk manchmal zum Effekt zu verselbständigen drohte, zum Overkill der phonetischen und graphemischen Verfremdungen, hatte schon in "Fernhandel" musikalische Stringenz gewonnen. Nun verknüpft ein dichtes Geflecht von Leitmotiven die einzelnen Gedichte über kürzere oder weitere Distanzen. "Sondagen" ist ein genau komponierter Zyklus aus kleineren Zyklen, Choreographie und Begleitmusik eines Gespensterreigens, der im flackernden Licht der Feuerstellen und Bildschirme vorüberzieht. Und mit dem Verschwinden der renommistischen Sprachgesten wird der Blick frei für Bilder von unheimlicher Zartheit, für die blau schimmernde Haut des frisch abgezogenen Hasen etwa, die die Farbe des Himmels reflektiert, und "sonne scheint ihm rosa / durchs ohr". (Nicht nur hier meint man den Schamanen Beuys durch die Szene geistern zu sehen.)

Vom blutroten Beschwörungszauber aus erschließt sich auch das große, aus einundzwanzig Fragmenten gefügte Gegenwarts-Gedicht, das den Band eröffnet. Diese Fortsetzung des früheren "Manhattan Mundraum" spricht stockend und wieder neu einsetzend, immer an der Grenze des Verstummens, vom 11. September. In abgebrochenen Versen singt sie die "lichtsure" vom Wind überm Hudson und vom Staub, läßt sie Bruchstücke von Psalmen anklingen und die Todesfuge vom "siedeln in der luft". Wenn in diesem Sprachengestöber "ihr unglücklichen augen" angeredet werden, dann erscheint mit diesen drei Wörtern schattenhaft Goethes Türmer Lynkeus mitten in Manhattan, und die Klage von Philemon und Baucis: "Menschenopfer mussten bluten / nachts erscholl des Jammers Qual" - diese Klage wird hörbar wie ein ferner und trauriger Klang. In solchen Augenblicken sind Klings Zitatkunst und Assoziationsregie der Vollendung sehr nahe.

Der Urgrund dieser Poesie ist magisch, und er ist mündlich. Die blutrote Schrift ist nur ihre behelfsweise Notation; um wirksam zu sein, müssen die Fluch- und Segensformeln gesprochen und gesungen werden. Wie in seinem letzten Gedichtband hat Kling also auch jetzt, zeitgemäß modifiziert und medientechnisch wie immer auf der Höhe, an diese Ursprünge angeknüpft. Auf einer dem Buch beigefügten CD rezitiert er seine Verse mit eindringlich kühler Präzision. Wer sich also bei der Wahl seiner Weihnachtsgeschenke nicht zwischen Buch und CD entscheiden kann, soll Klings "Sondagen" kaufen, da hat er beide. In buchstäblich zauberhafter Einheit.

Thomas Kling: "Sondagen". Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln 2002. 140 S., geb. im Schuber mit CD, 19,90 [Euro]

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2002, Literaturbeilage, Seite L5
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