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Veröffentlicht: 04.10.2001, 11:03 Uhr

Rezension Liebeserklärung an eine Insel

Mikis Theodorakis' Erinnerungen „Bis er wieder tanzt“ sind mehr als eine Biografie. Der Roman ist eine Hommage an Kreta.

von André Schwarz
© Insel Verlag

Im Oktober 1949 reist der Komponist Mikis Theodorakis nach Kreta, um seine Familie zu besuchen und sich von den Folterungen zu erholen, die er während seiner Zeit in der Verbannung und im „Umerziehungslager“ auf der Insel Makronisos erdulden musste. Dort wird er von dem Hirten und Heilpraktiker Therianos, dem 100-jährigen Oberhaupt der Theodorakis-Sippe, gepflegt, „bis er wieder tanzt“. Nach einem langwierigen Genesungsprozess lebt Mikis bei seiner Familie und wird schließlich zum Direktor der Musikschule in Chania ernannt, eine der wenigen Aufgaben, bei denen er sich ganz der Musik widmen kann. Nach zwei Jahren verlässt er Kreta, um nach Athen zu gehen und dort sein Musikstudium fortzuführen.

Soweit das äußere Geschehen. Die Erinnerungen von Mikis Theodorakis, die den Band "Die Wege des Erzengels" fortsetzen, sind jedoch mehr als eine Autobiographie. Sie sind eine phantastische Reise in die Mythen und Legenden der kretischen Geschichte und Mythologie. Historische Ereignisse, reale Personen, Dichtung und sagenumwobene Gestalten gehen ineinander über.

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Der Leser taucht ein in die Welt der Sagen

Geschehnisse im realen Leben, wie etwa der Aufenthalt am Konservatorium in Athen oder auch die Militärzeit, finden keine Erwähnung. Stattdessen wird der Leser in die verwunschene Stadt Rodolino geführt, künstlich erschaffen zu Ehren eines Verstorbenen, bevölkert von Schauspielern, die gegen Entlohnung das Leben in einer italienischen Kleinstadt darstellen. Man liest von den Kämpfen zwischen den türkischen Besatzern und den christlichen Bewohnern Kretas, von der wundersamen Rettung Therianos' und seiner zukünftigen Frau durch einen riesigen Adler. Allerlei Sagen fließen in die Erinnerung mit ein.

Die Erinnerungen zeigen den Stellenwert, den Kreta im Schaffen von Theodorakis eingenommen hat. Sie sind eine Art Liebeserklärung an die Insel und seine Menschen. Kreta ist für den Komponisten und Musiker nicht nur Heimat, sondern auch Quelle der Inspiration. Viele seiner Werke sind geprägt von der Kultur der Insel, geprägt auch von der eigensinnigen Mentalität und Unbeugsamkeit ihrer Menschen.

Theodorakis vergisst seine Umwelt aber nicht völlig, der Kampf gegen die Besatzer und vor allem der - vor seinem Ende stehende - Bürgerkrieg spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Quälend und eindringlich sind die Schilderungen der Folterungen.

Ein gut geschriebenes Buch, trotz seiner zahlreichen Exkurse.

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