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Rezension In größter Nähe doch so fern

09.04.2001 ·  Julia Franck untersucht mit dem Seziermesser menschliche Beziehungen in Zeiten der Entfremdung.

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„Ich höre ihm zu. Danach sagt er, es sei gut gewesen, mit jemandem zu reden, und verabschiedet sich, er legt auf, ich tue es ihm nach, dabei habe ich nichts gesagt, außer hallo und auf Wiedersehen und dazwischen wenige Male hmm.“ So die Beschreibung einer Nähe, die die Vereinzelung erst richtig deutlich macht: In der Geschichte „Strandbad“ schützt wenigstens die räumliche Distanz vor zu großer Intimität. Hier ist es nur die Stimme des anderen, der die Protagonistin ausgesetzt ist und der sie sich durch das Auflegen des Hörers entledigen kann.

Geräusche, Gerüche, Wärme und Kälte, Schweiß und Haare: Das allzumenschliche Gegenüber wird in Julia Francks Erzählungen vorwiegend über sinnliche Wahrnehmung präsentiert, wobei eine zu große Nähe Abwehrmechanismen bis zum Ekel erzeugt. Wie Schnecken, die sich zu weit aus ihrem Haus herausstrecken und sich dann ganz in sich selbst zurückziehen, so bewirkt auch in Francks Geschichten das In-Beziehung-Treten mit den anderen die Konzentration auf das Ich.

„Geschichten zum Anfassen“, werden sie im Untertitel genannt, aber es sind vielmehr Geschichten zum Riechen, Hören, Schmecken und Sehen. Ein Zugreisender wird seiner Nachbarin mehr durch seinen Waschpulver- und Leberwurstbrotgeruch unerträglich als durch sein aufdringliches Verhalten; die Berührung der nackten Haut mit dem kalten Metall der Spüle charakterisiert den gefühllosen Quicki in der Küche, und der Lärm von Kaffeemaschine und Musikanlage verhindert zwischenmenschliche Kommunikation ebenso erfolgreich wie das bewusste Bemühen um Distanz: „Ich mag es nicht, wenn Menschen sich ungefragt in mein Leben drängen“, heißt es einmal, und wenn sie es dennoch wagen, werden sie in ihrer ganzen störenden Erbärmlichkeit wahrgenommen. So zum Beispiel die betrogene Emily, die sich gerade bei der Freundin Trost und Hilfe sucht, von der sie nur wenige Stunden vorher hintergangen wurde: „Ihre Hände sehen aus, als hätten sie tagelang in Eiswasser gelegen, rot sind sie, und an den Gelenken drücken sich die Knochen durch die Haut.“

Stärker jedoch als diese Variationen über Intimität in Zeiten der Entfremdung sind die Erzählungen, in denen Nähe zugelassen wird. In „Streuselschnecke“ geht eine Vierzehnjährige regelmäßig mit einem Mann aus und bringt ihm schließlich Streuselschnecken ans Sterbelager. Erst ganz am Schluss wird das Rätsel um diese eigenartige Lolitabeziehung geklärt: „Meine kleine Schwester kam nach Berlin, wir gingen gemeinsam zur Beerdigung. Meine Mutter kam nicht. Ich nehme an, sie war mit anderem beschäftigt, außerdem hatte sie meinen Vater zu wenig gekannt und nicht geliebt.“

Wirkliche Intimität auch zwischen Opa und Enkelin in „Schmeckt es euch nicht?“, der wohl eindringlichsten Darstellung einer Beziehung in dem Band. Die lebenslange Angst „zu kurz zu kommen“ des Großvaters kulminiert kurz vor seinem Tod in einer Fressorgie, die mit allem erdenklichem abstoßendem Beiwerk beschrieben wird: Der Geruch von Fußschweiß bei der Zubereitung des Essens, die verzweifelte Völlerei des Großvaters am Tisch, das folgende Erbrechen auf den Wohnzimmerteppich. In diesem Fall, wo es nicht um Absicherung des eigenen Selbst geht, erwecken die Auswüchse von Körperlich keinen Ekel, sondern Verstehen und Zuneigung.

Julia Franck hat keine Charaktere erschaffen, sondern fast beliebig auswechselbare Figuren vor wechselnder Kulisse wie in einem Zimmertheater. So handelt es sich bei „Zugfahrt“ um ein Dramolett auf der kleinen Bühne eines vollbesetzten Zugabteils. In dieser Erzählung ist auch die Technik von Groß- und Nahaufnahme am besten gelungen: Von der Beschreibung des belebten Bahnsteigs und der Landschaft vor dem Zugfenster verengt sich der Blick auf das menschliche Gegenüber und fokussiert schließlich den roten und behaarten Eiterpickel in dessen Nacken.

Die Themen des Bandes sind nicht neu: der plötzlich auftauchende und sterbende Vater, der Leichenschmaus zu Lebzeiten, der Austausch von Kleidern, die verschiedenen Variationen menschlicher Beziehungen wurden schon in den den vorhergehenden Romanen Francks „Der neue Koch“ und „Liebediener“ oft ermüdend breit getreten. Offensichtlich liegt der Autorin die Kurzform mehr: Die Erzählungen sind streng komponiert, die Spannungsbögen werden durchgehalten, das Tempo stimmt.

Dem kühlen Taxieren und der genauen Beobachtung entspricht der Stil: Die Sätze sind einfach und klar, detaillierte Beschreibungen ersetzen analysierende Erklärungen. Und wenn manche Pointen auch konstruiert erscheinen, so hat Julia Franck - entgegen dem Titel - die Landung glatt gemeistert.

Julia Franck: Bauchlandung, Geschichten zum Anfassen. gebunden, 110 S., DuMont, Köln 2000 DM, 29,80 / EUR 15,24

Quelle: @kue
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