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Ian McEwan: Kindeswohl : Drei Sekunden lang all das ferne Leben spüren

Residenz des Gesetzes: Fälle, die vor den Londoner High Court und damit zu Ian McEwans Familienrichterin kommen, haben es in sich. Bild: Hanneke Wetzer / agefotostock /

Ein Junge stirbt, wenn er keine Bluttransfusion bekommt. Doch was medizinisch geboten ist, verbietet seine Religion: Ian McEwan verhandelt in „Kindeswohl“ einen juristisch und moralisch kniffeligen Fall.

          Familienrecht kann lustig sein. Oder sagen wir: Es klingt lustig, wenn etwa darüber gestritten wird, welcher der Ehegatten den vormals gemeinsamen Hund bekommen soll. Oder wenn die Familienrichterin im Taunus entscheiden muss, ob die Luxus-Hausfrau nun zweitausend oder lediglich tausend Euro im Monat benötigt – nur für Schmuck wohlgemerkt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Aber natürlich stecken oft Tragödien dahinter, insbesondere, wenn über Kinder gestritten wird. Denn in ihren Kindern wollen sich Eltern verwirklichen. Sie bestimmen, was das Kind machen und glauben soll. Das Ringen um das Kindeswohl hält nicht jeder Richter lange aus. Fiona Maye hält es aus. Und sie ist stolz darauf. Die Hauptfigur des neuen, heute erscheinenden Romans von Ian McEwan ist Familienrichterin am High Court in London – Gipfel einer juristischen Karriere, den man im angelsächsischen Rechtsraum (ganz anders als in Deutschland) in der Regel erst nach einer erfolgreichen Anwaltslaufbahn erreicht.

          Fiona muss Fälle entscheiden, in denen es stets ums Ganze geht: Leben und Tod, Macht und Moral, die Grenzen von Glauben und Medizin. Noch dazu politisch hochaktuell. Da ist etwa der strenggläubige Vater, der wie die Mutter der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Charedim angehört – und nicht will, dass seine Töchter eine höhere Bildung bekommen. Die Mutter der Kinder hat studiert und der Gemeinde den Rücken gekehrt. Jetzt geht es vor dem Familiengericht darum, ob die Töchter auf eine gemischte, tolerante jüdische Oberschule gehen dürfen. „Es war ein Kampf um ihre Seelen.“ Fiona hat, im Namen der Kinder, zu entscheiden zwischen „totaler Religion und leichter Abweichung davon“. Ihr Urteil zollt der altehrwürdigen Gemeinde tiefen Respekt und hebt die neutrale Einstellung des Gerichts zu einzelnen Glaubensinhalten hervor. Doch ihre oberste Pflicht ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder selbst weiter über ihr eigenes Leben entscheiden können. Fiona kann sich einen Seitenhieb auf den Vater nicht verkneifen, der sich schließlich von hochqualifizierten Anwältinnen habe vertreten lassen (und deshalb, so ist das in England, nun finanziell ruiniert ist).

          Zum Wohle des jungen Mannes

          Aber Religion hat mit Logik nichts zu tun. Glaube wirkt in Fionas Fällen wie ein Störfaktor. Als sie sich dazu durchringt, siamesische Zwillinge trennen zu lassen, was den sicheren Tod des einen und ein wahrscheinliches Überleben des anderen zur Folge hat, der bei Untätigbleiben auch bald stürbe, erkaltet etwas in ihr: „Sie war es, die ein Kind aus der Welt gesandt hatte, die den Jungen mit vierunddreißig elegant formulierten Seiten aus dem Dasein argumentiert hatte.“

          Aber ist nicht ohnehin alles zufällig, sinnlos? „Reiner Zufall, wenn man mit korrekt gebildeten und an den richtigen Stellen plazierten Körperteilen geboren wurde und mit liebevollen und nicht grausamen Eltern, oder wenn man, durch geographisches oder soziales Glück, Krieg oder Armut entging. Und es dann umso leichter hatte, tugendhaft zu sein.“ Hat nicht gerade hier der Glaube seinen Platz? Doch diese Frage stellt sie nicht.

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