http://www.faz.net/-gr3-2m4q

Rezension : Getriebener statt Flaneur: Emmanuel Boves Held streift durch Paris

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Bereits 1924 erzählt der Autor von den Bemühungen eines Mannes, der Vereinsamung in der Großstadt zu entfliehen.

          Mit diesem Buch, in dem einer unermüdlich durch die Straßen geht, um einen Freund zu finden, fügte sich Emmanuel Bove nicht in die Unbeschwertheit und das überschäumende Lebensgefühl später als „Années Folles“ bezeichneten Nachkriegsjahre. Heute längst zu einem Klischee depraviert, galt das Flanieren und das ausschweifende Müßiggängertum damals als künstlerische Methode und damit als Arbeit des Künstlers - spätestens seit Baudelaire, dem Vater des Flanierens.

          Ganz anders bei Bove. Sein Anliegen ist belanglos, aber in dieser Belanglosigkeit ist es zugleich existentiell. Dem Spaziergänger in seinem Roman, Victor Baton, fehlt die Leichtlebigkeit, wie sie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als kunstvoller Müßiggang kultiviert wurde.

          Flüchtige Bekanntschaften

          Batons Gänge durch die Stadt verfolgen nur ein Ziel: Er will jemanden zum Freund gewinnen. Seine vorübergehend geknüpften Bekanntschaften bleiben flüchtig, so flüchtig wie der tägliche Gang durch die Straßen seines Bezirkes, wie seine kurzweilige Einkehr in Cafés, in heruntergekommene Kaschemmen und Säuferlokalitäten, flüchtig wie sein Besuch des Metzgers, des Bäckers, des Zeitungsverkäufers. Sogar die unansehnliche Wirtin Lucie will ihn nicht länger als ein paar Nachtstunden bei sich behalten.

          Von allen diesen Figuren, die wie Statisten in ein Szenario der Normalität gestellt werden, zeichnet Bove ein Porträt - statisch, lakonisch, sachlich. „Meine Freunde“ ist die rückhaltlose Beichte eines Mannes, der bei den Menschen Halt sucht, ihnen durch die Straßen folgt, um herauszufinden, ob sie ihm Freund werden wollten, und der am Ende doch immer wieder allein ist. Das Besondere: Bove erzählt die inneren Qualen seiner Figur nüchtern, so als seien sie nur von den äußeren Erscheinungen, von dem, was nach außen dringt ablesbar.

          Absurde Komik

          Es entsteht ein Übermaß an Pessimismus, der, scheinbar objektiv begründet, durch den nüchternen, radikal schlichten Stil dieses Autors dabei oft genug ins Absurde umschlägt. „Ansammlungen auf der Straße machen mich jedesmal ängstlich. Der Grund: die Furcht, unversehens vor einem Leichnam zu stehen.“ Wie ein Ventil verwandelt sich die Bedrückung ins Komische.

          Bis heute verfehlt die fast manische, schon im Vorfeld jeder Begegnung vorweggenommene Interpretation aller Zeichen, die auf das Misslingen deuten, nicht seine Wirkung. Je stärker Victor Baton seine Bedürfnisse und sein Wunsch nach einem dauerhaften Kontakt und Anteilnahme am Leben des anderen artikuliert, desto mehr verstellt er seine immer wieder neu initiierten Bemühungen, seiner Isolation und damit sich selbst zu entkommen. Im Einerlei der Tage, Wochen und Monate wird Baton lediglich als etwas akzeptiert, das zum Straßenbild gehört.

          Statt einer romanhaften Handlung entfaltet Bove spiralenartig die immer gleichen Bemühungen seiner Figur. Dass diese zwanghafte Umtriebigkeit in Selbstläufertum endet, macht dieses Buch bis heute höchst aktuell. Und seine Sprache ist es, die diese Aktualität lebendig hält.

          Emmanuel Bove: Meine Freunde, Roman, 206 S., gebunden, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981, DM 24,80 / EUR 12,68

          Quelle: @kue

          Weitere Themen

          Durch die Zeit Video-Seite öffnen

          Der Osten damals und heute : Durch die Zeit

          Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

          Kunst auf Lastwagen Video-Seite öffnen

          Street Art : Kunst auf Lastwagen

          Das Truck Art Projekt bringt spanische zeitgenössische Kunst auf die Straße – genauer gesagt auf Lastwagen. Die rollen durchs Land, und so entsteht eine fahrbare Kunstgalerie. Eine Idee von Jaime Colsa.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Mit Spannung erwarten sie die Ansprache von Regionalpräsident Puigdemont, den Madrid in Kürze entmachten will.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.