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Rezension Europäer in Kinderschuhen: Ben Faccinis charmanter Debütroman

 ·  Der kleine Jean-Pio in Ben Faccinis Debüt „Luft anhalten“ ist kultverdächtig. Ein Modell des zukünftigen Europäers.

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Der Europäer ist eine Kopfgeburt. Dies wird der tiefere Grund dafür sein, warum der 8-jährige Jean-Pio in Ben Faccinis erstem Roman „Luft anhalten“ immer wieder unter Kopfschmerzen leidet. Sie entstehen, wenn er zuviel nachdenkt. Sie entstehen, wenn er den Lauf der unübersichtlichen Welt um ihn herum aufhalten will. Denn chaotisch geht es zu in seinem kleinen Leben.

Meist verbringt er es auf dem Rücksitz eines Autos. Neben ihm sitzen seine beiden Brüder. Vor ihm seine französisch-englisch-slowenisch-holländische Mutter und sein italienisch-sizilianischer Vater. Die Familie wohnt im Auto, ihre Heimat ist die Straße. Sie sind die Nomaden der Moderne. Der Vater ist Wissenschaftler und Konferenztourist, der sich mit Infektionskrankheiten einen Namen gemacht hat, die Mutter ist Übersetzerin. Die Kinder sind dreisprachige Schönheiten, denen Romanisches, Slawisches und Keltisches, aber auch Arabisches ins Gesicht geschnitten ist.

Erwachsene sind komisch

Faccini - selbst in den drei Ländern Italien, Frankreich und England, in denen der Roman spielt, aufgewachsen - führt immer aus der Sicht des Jungen durch die Episoden dieses wilden Lebens. Dabei bieten die exzentrische, selbstbewusste Mutter und der temperamentvolle, hyperaktive Vater, der ganze Skelette und Gewebeproben unter seinem Autositz verstaut, den eigentlichen Zündstoff. Denn die Mutter hat genug von der Herumfahrerei. Als sie mit großem Eklat in den Streik tritt, weil sie endlich irgendwo ankommen will, zieht die Familie in ihr leerstehendes Elternhaus in Frankreich. Dort entdeckt der Junge die wahren Hintergründe des Todes seines Großvaters mütterlicherseits und lernt, sie für sich zu behalten.

Eine verrückte Situation reiht sich an die nächste. Verursacht werden sie durch die unterschiedlichen Temperamente und Sichtweisen der Menschen. Geleitet von einem idealistischen Mitgefühl, zieht der Junge seine Schlüsse daraus und handelt ohne zu fragen. Mal möchte er in England einen kettenrauchenden Familienfreund vor dem sicheren Lungentod bewahren, wie er es in den Büchern seines Vaters gesehen hat. Mal möchte er die Kaulquappen retten, die im Flusswasser sind, mit dem sein Großvater in Italien die Weinberge wässert. Mal erfährt er, was Rassismus ist, mal trägt er als Ministrant ein Kreuz, mal brütet er ein Küken aus.

Kein Plural für Heimat

Ben Faccinis Roman fließt leichtläufig dahin. Es ist ein Kinderbuch für Erwachsene. Aus der Perspektive eines Jungen werden lokale und nationale Unterschiede zu einem verwirrenden Kosmos verschmolzen. Das Kind ist damit beschäftigt, ihn in den Griff zu bekommen. Dass es dabei zu Missverständnissen kommt, macht den Charme dieses Buches aus. Dass nationale Unterschiede für die Familie keine Rolle mehr spielen, zeigt, welche Zukunftsperspektiven sich der Autor für den Europäer wünscht. Er ist in allen Ländern zuhause. Fragt sich jedoch, ob die deutsche Sprache für die Aufgaben der Zukunft gerüstet ist, denn einen Plural von Heimat gibt es nicht.

Ein Dilemma kann der Autor jedoch nicht lösen. „Luft anhalten“ ist ein Entwicklungsroman. Das Alter des kultverdächtigen Jean-Pio dürfte für den Grad der Reflexion, des tiefsinnigen Nachdenkens, zu dem er fähig ist, jedoch zu jung angesetzt sein. Hätte der Autor ihn allerdings älter gemacht, müsste er sich den Fragen der Pubertät und der Initiation in das Erwachsenenleben widmen. Soweit aber ist der Europäer noch nicht. Er steckt noch in den Kinderschuhen.

Ben Faccini: Luft anhalten, Roman, 290 S., gebunden, C.H. Beck Verlag, München 2001, DM 38,- / EUR 19,43

Quelle: @waab
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