11.12.2000 · Die Welt ist verrückt. Eine Kur muss her. Wie man diese beantragt, zeigt Andreas Maier mit seinem Debüt „Wäldchestag".
Von Ferdinand SchmökelDer 30-jährige Schossau glaubt, eine Kur beantragen zu müssen. Er fürchtet, so verrückt zu werden wie die anderen Wetterauer, die sich alle auf Sebastian Adomeits Beerdigung eingefunden haben. Schossau ist Historiker. Als solcher ist er an Überlieferung, an der Wahrheit interessiert, die die Erkenntnisfähigkeit der Menschen voranbringt.
Der Autor des Buches aber, Andreas Maier, dieser widerwärtige Zermalmer, löst den Wahrheitsbegriff auf, nein: er löscht ihn aus. Die im Buch herrschende Meinung beruft sich auf Gerüchte, aus Verlegenheit eines besseren Grundes wird daran geglaubt: „An Gerüchten sei immer was Wahres, also halte er sich an Gerüchte! Er halte sich an Gerüchte, da er sich nämlich an die Wahrheit halte, da man ohnehin alles nur durch Gerüchte erfahre ..."
Der Leser ist mitten in die Festgesellschaft geworfen. Er sitzt mit den feiernden Trauernden am Tisch und hört Gespräche, gegen die kein Argument greift. Die Distanz ist genommen, gleichzeitig ist sie so groß, dass es unmöglich ist, einen Sinn zu vermitteln. Die Wetterauer leben seit Generationen miteinander, ohne dass sich in deren Verhältnis etwas verändert hätte. Dazu kommt, dass mittlerweile auch Orte austauschbar sind. Die Verwandtschaft Adomeits, die in Florstadt einfällt, unterscheidet sich in ihrer selbstbezogenen Arroganz nicht von den Florstädtern. Maiers Heimatroman ist getragen von einem Pessimismus, der zwar Heimat anerkennt, dieser Verbundenheit aber jeglichen Halt entzieht.
Zwischen den Generationen gibt es keine Verständigung mehr. Das ist nichts Neues. Maier zeigt aber auch, wie die Abgrenzung ins Leere läuft. Die Unterscheidungen beruhen auf Belanglosigkeiten. Der 70-jährige Verstorbene hatte wohl noch so etwas wie Integrität oder Persönlichkeit. Sein Leben verband sich mit Werten, die nicht austauschbar sind. Er umgab sich mit Dingen, die ihm noch etwas bedeuteten. Das scheint den Historiker anzuziehen. Mit Adomeits Tod ist auch dieser 'Wertkonservatismus' gestorben. Sofort greift der eklektizistische Willkürgeschmack nach dem neuen Opfer: Jeder weiß gleich, welche moderne Fassade an Adomeits Haus gehört.
In Maiers Roman stehen die Generationen der über 40-Jährigen (das sind die meisten der Beteiligten), der 30-Jährigen (eigentlich nur Schossau und Schuster, und natürlich der Erzähler) und der 20-Jährigen (Anton Wiesner und Freunde) nebeneinander.
Bei den Jungen zeigt sich noch etwas Zweifel und Aufbegehren. Das allerdings bleibt im Ansatz stecken. Dass das alles zum Verrücktwerden ist, zeigt Andreas Maier an Anton Wiesner und Benno Götz. Götz, der anfangs eine Pistole wohl zum Selbstschutz im Wald vergräbt, ist Auslöser für Wiesners späteres Ausrasten.
Andreas Maiers vielbeachtetes Debüt kann als Abrechnung mit der postmodernen Belanglosigkeit verstanden werden. Auf 315 Seiten fabuliert er im Konjunktiv - schließlich könnte ja auch alles ganz anders sein - dahin, dass es eine Freude ist. Maier macht keine Absätze, die einzige Verschnaufpause hat der Leser nachts: Pfingstsonntag, -montag und -dienstag bilden jeweils ein Kapitel. Maier macht es dem Leser nicht leicht, wenn er ihn distanzlos an dieser Trauerarbeit teilhaben lässt. Mit der ununterbrochenen Salbaderei der Wetterauer wird der Leser so beladen, dass ihm Hören und Sehen und auch das Denken vergehen können.
Der erste Satz darf nicht vergessen werden. Programmatisch umklammert er mit dem letzten den Roman. Um dem ganz normalen Wahnsinn zu entkommen, beantragt Schossau mit dem ersten Satz eine Kur: "Es ist, als sei allem etwas entzogen worden." Etwas, das Schossau in einer Anzeige der AOK wiederzufinden glaubt, mit der das Buch schließt: "Existenzen neuen Sinn geben!"