Thomas Hettche hat den Kriminalroman zusammengestutzt, hat ihn zurückgeschnitten auf seine Wurzeln, um das Genre neu zu entwickeln. Der erste Roman des Autors von "Nox" und "Animationen" heißt "Der Fall Arbogast" und ist ein moderner Pitaval geworden. Die Geschichte erzählt im Tempo eines präzisen Gerichtsschreibers den gewaltsamen Tod einer jungen Frau, das Scheitern der Aufklärung und die Bestrafung des Verdächtigen.
Im muffigen Milieu der 50er Jahre eines kleinen bundesdeutschen Städtchens wird der gelernte Metzger Hans Arbogast wegen Mordes verurteilt: Er soll die junge Anhalterin Marie Gurth vergewaltigt und brutal getötet haben. Arbogast hat Marie tatsächlich im Auto mitgenommen und die Beschreibung der sexuellen Ausschweifungen des Paares eröffnen den Roman - so weit scheint Gewissheit wenigstens für die Leser zu herrschen.
Doch der Angeklagte leugnet die Schuld am Tod der jungen Frau. In einem fragwürdigen Indizienprozess wird er verurteilt und in Einzelhaft gesperrt. Als nach Jahren im Zuchthaus sein Fall wieder aufgerollt wird, hat sich die Atmosphäre in der Bundesrepublik grundlegend geändert. In den von politischen Spannungen geprägten späten 60er Jahren wird Arbogast nach 15 Jahren freigesprochen und tritt in eine fremde Welt. Der Mann, der sich in der Haftanstalt Bruchsal - konstruiert mit dem Ziel der konsequenten Vereinzelung der Häftlinge - immer mehr in sich zurückzog, prallt auf eine Gesellschaft, die sich gerade mit dem Phänomen beschäftigt, das später "die 68er" heißen sollte.
Verurteilt im staubigen Mief der Adenauer-Ära
Freigesprochen in der ersten Lockerung behördlicher Steifheit mit den Songs von Woodstock weit im Hintergrund: Über Schuld und Unschuld Arbogasts sagen in Hettches Roman beide Urteile nichts aus. Die Entschiedenheit, mit der klassische Kriminal- und Detektivliteratur ihre Fälle auflösen, fehlt. Um so stärker zeichnet Hettche die Unsicherheit seiner Figuren nach: Auf 352 Seiten lernt niemand die Wahrheit über den Tod Mariens kennen, außer Hans Arbogast.
Mit dieser Verweigerung gegen das Schema des klassischen Detektivromans angelsächsischer Prägung lässt Hettche die uralte Frage des "whodunnit" frei im Raum kreisen und bringt so Motive des skandinavischen und deutschen Soziokrimis zum Klingen. Die Melodie des Genres aus den 70er und 80er Jahren transponiert Hettche allerdings in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem Krimi wird das Portrait einer Gesellschaft, die den möglichen Mörder beobachtet.
Spannend machen die häufigen Perspektivwechsel das Buch - Innen- und Außensicht treffen nicht nur auf Stilmittel zu, sondern immer auch auf die Positionen "drinnen" und "draußen": Sei es das Zuchthaus, das durch die Mauer vom Westen abgeschnittene Ost-Berlin oder die geheimbündlerischen Zirkel der Juristen, Gerichtsmediziner und Polizisten.
Auf jene eher harmlose sprachliche Lust an der spielerischen Jagd nach dem Mörder, die englische Crime Novels prägt, verzichtet "Der Fall Arbogast" dabei. Präzise und kalt zieht die Erzählung ihre Bahn, Körperbeschreibungen in Szenen sexueller Erregung gleichen Darstellungen in den hell ausgestrahlten Hallen der Pathologie. Dann wieder greift Hettche in Momentaufnahmen aus grellen Adjektiven zurück auf den Stil der bunten Krimiheftchen der frühen 60er Jahre, als der Ullstein Verlag von Springer aufgekauft wurde und aus einer der renommiertesten Krimi-Taschenbuchreihen ein grotesker Jahrmarkt marktschreierischer Thriller mit anzüglichen Titeln wurde.
Das Spiel mit der Literatur klingt auch im Namen des Protagonisten nach: Wer ist Hans Arbogast, der Metzger, Vertreter für Billard-Tische und Borgward-Fahrer? Spiegelt sich in der Figur Hitchcocks Privatdetektiv Milton Arbogast aus "Psycho" (gespielt von Martin Balsam) wider - als Symbol für die schizophrene Konstitution von Hettches Helden? Oder ist der deutsche Metzger ein Widergänger des fränkischen Kriegsherren Arbogast, der mit dem rätselhaften Tod des römischen Kaisers Flavius Valentinianus im Jahre 392 in Verbindung gebracht wird?
"Der Fall Arbogast" gibt Rätsel auf, ist aber dennoch kein Rätselroman. Er handelt von einem Kriminalfall - hat Thomas Hettche also einen Kriminalroman geschrieben? Verlag und Fachgemeinde sind sich darin offenbar einig. Denn nicht nur prangt die Gattungsbezeichnung auf dem Umschlag, Hettches Buch ist auch für den nächsten Krimi-Preis "Glauser" vorgeschlagen, der auf der Criminale 2002 vergeben wird.