Home
http://www.faz.net/-gr4-31kl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Rezension Die Maus und der König: ein biografischer Roman über Walt Disney

Neuer Roman: Jahrelang war Wilhelm Dantine in Peter Stephan Jungks Romanbiografie auf der Jagd nach Walt Disney, dem "König von Amerika".

© Klett-Cotta Vergrößern

Der König ist tot, es lebe die Maus! Peter Stephan Jungk trägt in seinem Roman „Der König von Amerika“ den Zar der moralisch blitzsauberen Pop-Kultur zu Grabe: Den ultrakonservativen Kettenraucher Walter Elias Disney - von den einen als Schöpfer gefeiert, von den anderen als Ausbeuter kritisiert.

In diesem Jahr hätte Disney seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass einen biografischen Roman zu schreiben, der sich kritisch an der Person dieses manischen Planers bunter Bilderwelten reibt, ist eine faszinierende Idee. Mit den stilistischen Mitteln der biografischen Dokumentation könnte das Buch den an sich selbst zerbrochenen Hollywood-Mogul zeigen, der durch seine Lebensgeschichte scheinbar den amerikanischen Traum wahr machte. Aber bei dem Versuch, die hehre Illusion zu zerstören, die Disney um sich und die unter seinem Namen produzierende Unterhaltungsindustrie errichtet hat, scheitert Jungks Buch am Übereifer.

Mehr zum Thema

Disney als Lebenstraum

Jungks Protagonist Wilhelm Dantine hat nicht nur die Initialen mit Walt Disney gemeinsam. „Bill“, wie ihn der Vater von Mickey Mouse nannte, war Zeichner in den Disney-Studios. Er arbeitete am Zeichentrickfilm „Dornröschen“ mit, aber sein Name wurde nie bekannt. Das ist auch einer der schwersten Vorwürfe des Künstlers an seinen Arbeitgeber: Nie die kreative Leistung seiner Mitarbeiter anerkannt zu haben. So lange er in den Studios angestellt war, spürte Dantine diese Ungerechtigkeit nicht. Seit das Kind österreichischer Einwanderer „Snow White“ gesehen hatte, war es Lebensziel des jungen Mannes, für Disney zu zeichnen. Endlich war er diesem Genie nahe, das jene Comic- und Trickfilmwelten geschaffen hatte, die Leser und Zuschauer in aller Welt faszinieren.

Doch dann feuert Disney seinen begabten jungen Zeichner, weil der an der ultrakapitalistischen Gesinnung seines Chefs zweifelt. In paranoider Verwirrung folgt Dantine nun seinem einstigen Idol. Er sammelt Informationen, kratzt Anekdoten und Gerüchte zusammen, die sich um Disney ranken. Er wird zum Detektiv in eigener Sache, ist „Uncle Walt“ quer durch Amerika auf den Spuren, liegt auf der Lauer, wenn Disney mit seiner Familie unterwegs ist.

Brüchige Bilder

Mit einem Mosaik aus auktorial erzählten Szenen und den vom Ich-Erzähler Dantine geschilderten Beobachtungen versucht Jungk, ein möglichst facettenreichen Bild Disneys zu zeichnen. Dabei stehen sich der paranoide Erzähler und sein neurotisch dargestelltes Opfers in der Wahrnehmung des Leser ständig als Antagonisten gegenüber. Das verträgt die Dramaturgie des Romans aber auf Dauer nicht. Irgendwann überspannt sich der Bogen der Handlung, und die Bilder werden brüchig.

Das Buch hinterlässt den Eindruck von Beliebigkeit, wenn eine emotionsgeladene Szene die nächste ablöst. Zwischen dem müden, nur noch von seinen Visionen angetrieben Disney und seinem Totenbett hangelt sich die Geschichte durch ein Erzählfeld verschiedenster Motive. Auch die mythische Maus, dieser liebenswerte Spießer in der roten Badehose mit seinen Tellerohren findet in dem Netz der Motive einen Platz, wenn auch nur einen kleinen.

Bunte Verzerrung

Als Ganzes ist "Der König von Amerika" mit dieser Art zu erzählen und mit dieser Schwerpunktsetzung nicht die angekündigte Romanbiografie geworden. Das Buch fokussiert eher wie ein Thriller auf Spekulation über die letzten Monate im Leben Walt Disneys. Und je näher der Tod dem König von Disneyland rückt, desto öfter schweift Jungk in seine bizarre Parallelwelt jenseits der belegten Geschichte ab.

Damit erinnert diese Art Roman an Disneys eigene Einstellung zur Bearbeitung der klassischen Stoffe, die er seinen Trickfilmen zugrunde legte: Nicht die literarische Vorlage sollten seine Studios umsetzen, sondern das, was im kollektiven Bewusstsein als unscharfes, aber buntes Zerrbild des Originals existiert. Ein solches Zerrbild liefert auch "Der König von Amerika" von der Biografie Walter Elias Disneys.

Peter Stephan Jungk, Der König von Amerika, Roman, 244 S., gebunden, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, DM 37,50 / EUR 19,17

Quelle: @pths

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pfaueninsel von Thomas Hettche Liebesexplosionen vor preußischer Kulisse

Thomas Hettches neuer Roman spielt auf der Berliner Pfaueninsel. Aus der Sicht einer Zwergin schaut er auf das bewegte Panorama des neunzehnten Jahrhunderts. Mehr

09.09.2014, 23:19 Uhr | Feuilleton
Müdes Sparauto mit Frohsinn und Altersweisheit

Der R4 war wie ein Werkzeug. Und witzig. Aber er lächelte nicht. Renault erfand damit den pragmatischen Imperativ auf Rädern. Der verbindet sich im Captur mit bunter Fröhlichkeit. Und keiner muss schalten. Mehr

26.05.2014, 16:46 Uhr | Technik-Motor
Kinderfernsehen und Internet Meine Apps ess’ ich nicht

Das Kinderfernsehen schwört dem Internet ab: Super RTL setzt nicht aufs Netz, sondern aufs Fernsehmachen nach alter Schule - und, um neben Sendern wie Disney Channel zu bestehen, auch auf Action und Getöse. Mehr

10.09.2014, 21:07 Uhr | Feuilleton
Steinmeier trifft yezidische Flüchtlinge in Erbil

Bundesaußenminster Frank-Walter Steinmeier hat auf seiner Reise in den Irak im Norden des Landes yezidische Flüchtlinge getroffen. Von ihren Berichten über die Greuel der Milizen des Islamischen Staates zeigte er sich betroffen. Mehr

16.08.2014, 18:08 Uhr | Politik
Ausstellung zu Goethes Briefroman Werther leidet auf der Bühne und im Film

Erstmals trägt eine Ausstellung in Wetzlar zusammen, wie Goethes Die Leiden des jungen Werther sich in anderen Gattungen niedergeschlagen hat. Mehr

13.09.2014, 16:05 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.11.2001, 12:00 Uhr