11.12.2000 · In dem Science-Fiction-Roman „Der himmelblaue Speck“ entwirft Vladimir Sorokin eine anti-utopische Zukunft und zieht gleichzeitig das Fazit einer ganzen Epoche.
Von Maren JungclausNach 7-jähriger Pause hat der Moskauer Schriftsteller Vladimir Sorokin einen neuen Roman vorgelegt, der in Russland bei seinem Erscheinen zwei Jahre zuvor große Aufmerksamkeit erregt und kontroverse Diskussionen provoziert hat. Während im Internet von begeisterten Lesern bereits an „Speck II“ gearbeitet wird, verlangt die Literaturzeitung „Oktjabr“, Sorokin „für seine Schmiererei vor Gericht“ zu stellen.
Man schreibt das Jahr 2068: Im „Zeitalter des pragmatischen Positivismus“ steht Russland ganz unter chinesischem Einfluss. „Chinezismen“ haben die Amerikanismen des 20. Jahrhunderts abgelöst. Sibirische Forscher erstellen „Rekonstruktionen von Skriptoren, das heißt von Leuten, die ihre Phantasien auf Papier schreiben“. Diese sondern beim Schreiben den Stoff ab, der das Problem der ewigen Energie löst: den himmelblauen Speck. Die Erdrammler, eine Sekte von Leuten, die im Jahre 2026 vor der Zivilisation geflohen sind, um die sibirische Erde zu rammeln, eignen sich den Stoff an und katapulieren ihn ins Moskau des Jahres 1954, wo er während eines Festkonzertes anlässlich der Eröffnung des „Allrussischen Hauses der freien Liebe“ eintrifft.
Bevor es zum endzeitlichen Finale kommt, bei dem Stalins Gehirn die ganze Erde unter sich begräbt und schließlich das gesamte Universum aufsaugt, entwirft Sorokin eine alternative Zeitgeschichte, wobei Machthaber und Geistesgrößen des vorigen Jahrhunderts in grotesken Szenen vorgeführt werden. Die Spiegelszene am Ende des Romans erlöst den Leser nicht aus seiner Verwirrung, verweist aber auf das poetologische Programm: Es geht um Doppelgänger und Ähnlichkeiten, Spiegelungen, Klone, Imitate.
Denn so, wie „Dostojewski 2“, „Achmatova 2“ oder „Platonov 3“ nicht zu 100 Prozent ihren Vorbildern entsprechen und sich während des Schreibprozesses noch weiter verformen, handelt es sich auch bei den von ihnen produzierten Texten nur um Imitationen mit deutlichen Deformationen. Im Konzert der Stimmen lässt Sorokin aber nicht nur die geklonten Schriftsteller sprechen, diese imitieren sich auch untereinander - so ist der Text von „Nabokov 7“ à la Proust „In Cordosos Welt“ überschrieben und beginnt mit einer deutlichen Reminiszens an Tolstois „Anna Karenina“.
Vor allem aber imitiert Sorokin sich selbst. Die Tabubrüche - hauptsächlicher Bestandteil seines Werkes - finden sich hier in extenso. Wie vor allem am Ende von „Roman“ geht es um Sex, Gewalt, Folter und Perversionen. Wissenschaftler, Schriftsteller und Machthaber werden als groteske Figuren vorgeführt, die nebenbei die Judenfrage diskutieren: „Ihr Beitrag zur russischen Revolution ist erheblich. Deswegen erschießen wir nicht mehr als fünfzigtausend Juden jährlich.“ Sorokin übt despektierlichen Umgang mit dem russischen Literaturolymp. Und wie zur Bestätigung des postmodernen Literaturcredos, dass alle Literatur von der Literatur herkommt, finden sich beispielsweise mit der Aufnahme des Eisenbahnmotivs oder der verschiedenen abartigen Cocktailrezepte zahlreiche Anspielungen auf Venedikt Erofeev, dessen Roman „Mosva-Petuski“ als Mosaik von Zitaten und traditionsbewahrende Collage gelesen werden kann.
Und besteht nicht das eigentliche Geheimnis des himmelblauen Specks (erinnernd an die blaue Blume der Romantik) darin, dass er uns die ewige Energie der Literatur aufzeigt? Vladimir Sorokin schickt den Leser mit diesem vielschichtigen Roman auf eine phantastische Reise voller Abgründe in die Vergangenheit und Zukunft und entfaltet die enorme Bildlichkeit seiner Sprache in diesem literarischen Karneval.