Home
http://www.faz.net/-gr4-veq7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension Das Ich im Kreise seiner Teufel

Verschickt Daniel Kehlmann wirklich seine neuesten Verkaufszahlen per SMS? Der Roman seines Wiener Kollegen Thomas Glavinic scheint nur auf den ersten Blick nicht mehr als eine Satire auf den Literaturbetrieb zu sein.

Was wäre noch langweiliger als ein Betriebsroman? Vielleicht eine Betriebsanleitung. Eine Satire über den Literaturbetrieb ist so ziemlich das uninteressanteste Vorhaben, das sich ein Autor vornehmen kann. Die Frage, wer mit wem wo und wie lange versackt ist, welcher weltbekannte Autor oder welcher immerhin stadtbekannte Kritiker sich nach der Lesung und dem zehnten Gläschen Wein danebenbenommen hat oder mit der Pressedame ins Hotel verschwunden ist - die dürfte in diesem Land bestenfalls einige hundert Seelen beschäftigen: nämlich genau jene Handvoll Journalisten, Verlagsangestellte, Agenten, Literaturhausprogrammleiter und Dichter, die hoffen könnten, zumindest als Randfigur selbst in einem solchen Buch aufzutreten.

Thomas Glavinic hat einen Roman über den Literaturbetrieb geschrieben. Es ist ein überaus kluges, komisches, interessantes, kurz: lesenswertes Buch. Wie kann das sein? Entweder ist der Leser selbst Teil des Betriebs und damit gespannt, ob er vielleicht selbst verkommt oder wenigstens eine ihm persönlich bekannte Person. Oder es geht in Wahrheit gar nicht in erster Linie um Literatur. Beziehungsweise: Es geht nur um Literatur - und nicht etwa um die Wirklichkeit.Der Ich-Erzähler des Romans „Das bin doch ich“ ist ein Schriftsteller namens Thomas Glavinic, der gerade das Manuskript seines neuen Romans „Die Arbeit der Nacht“ vollendet hat (wie die meisten biographischen Details entspricht das den Fakten, F.A.Z. vom 4. Oktober 2006). Er steckt mitten in jener postnatalen Depression, die Autoren häufig befällt, wenn das Werk vollbracht, aber noch nicht auf der Welt ist, ja, noch nicht einmal ein Verlag gefunden ist. Seine Familie - er hat mit seiner geduldigen Partnerin Else einen zwanzig Monate alten Sohn - ist das erste, aber nicht das einzige Opfer seiner Launen.

Dieser Glavinic ist hypochondrisch und neurotisch, misanthrop und larmoyant und checkt fünfmal in der Stunde seine Mails in der Hoffnung auf eine erlösende Nachricht seiner Agentin. Seinen Tag (und oft auch die Nacht) verbringt er mit ungesundem Essen, noch ungesünderem Trinken, stundenlangem Computerspielen und dem Besuch von Literaturveranstaltungen erfolgreicher internationaler Kollegen, bei denen er sich dann hemmungslos volllaufen lässt und danebenbenimmt: ein Porträt des Künstlers als junges Wrack.Vor allem aber ist Glavinic neidisch. Er ist befreundet mit Daniel Kehlmann, dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ just zu dieser Zeit die Bestsellerlisten erobert: Per SMS gibt der Kollege die immer phantastischer werdenden Verkaufszahlen seines Romans und weitere Beweise stetig wachsender Berühmtheit durch. Als ein Kritiker schreibt, Kehlmann sei „der beste Autor seiner Generation“, durchzuckt Glavinic der Gedanke: „Das bin doch ich“, nicht ohne sich gleich über seine Missgunst zu grämen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Buchhandel Bestsellerautoren gegen Amazon

Prominente Verstärkung für die Autorenfront gegen die Geschäftspolitik von Amazon: Daniel Kehlmann und Nele Neuhaus kritisieren den Internet-Händler scharf. Mehr

16.08.2014, 11:57 Uhr | Feuilleton
Über das Unmoralische in der Literatur Das Gute kann ruhig auch mal verlieren

Was unterscheidet den Roman von mündlicher Erzählung? Und was die europäische von der indischen Literatur? Sehr viel. Eines aber ist gleich: je unmoralischer, desto interessanter. Mehr

23.08.2014, 16:03 Uhr | Feuilleton
Michel Houellebecq bei Arte Dieser Mann ist nicht zu fassen

Zwischen Zigaretten, Rotwein und einer Dorfschönheit: Arte zeigt „Die Entführung des Michel Houellebecq“. Der Künstler bestätigt darin alle Vorurteile, mit denen man ihm begegnet - macht er sich über uns lustig? Mehr

27.08.2014, 17:56 Uhr | Feuilleton