http://www.faz.net/-gr3-veq7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.09.2007, 12:00 Uhr

Rezension Das Ich im Kreise seiner Teufel

Verschickt Daniel Kehlmann wirklich seine neuesten Verkaufszahlen per SMS? Der Roman seines Wiener Kollegen Thomas Glavinic scheint nur auf den ersten Blick nicht mehr als eine Satire auf den Literaturbetrieb zu sein.

von Richard Kämmerlings

Was wäre noch langweiliger als ein Betriebsroman? Vielleicht eine Betriebsanleitung. Eine Satire über den Literaturbetrieb ist so ziemlich das uninteressanteste Vorhaben, das sich ein Autor vornehmen kann. Die Frage, wer mit wem wo und wie lange versackt ist, welcher weltbekannte Autor oder welcher immerhin stadtbekannte Kritiker sich nach der Lesung und dem zehnten Gläschen Wein danebenbenommen hat oder mit der Pressedame ins Hotel verschwunden ist - die dürfte in diesem Land bestenfalls einige hundert Seelen beschäftigen: nämlich genau jene Handvoll Journalisten, Verlagsangestellte, Agenten, Literaturhausprogrammleiter und Dichter, die hoffen könnten, zumindest als Randfigur selbst in einem solchen Buch aufzutreten.

Thomas Glavinic hat einen Roman über den Literaturbetrieb geschrieben. Es ist ein überaus kluges, komisches, interessantes, kurz: lesenswertes Buch. Wie kann das sein? Entweder ist der Leser selbst Teil des Betriebs und damit gespannt, ob er vielleicht selbst verkommt oder wenigstens eine ihm persönlich bekannte Person. Oder es geht in Wahrheit gar nicht in erster Linie um Literatur. Beziehungsweise: Es geht nur um Literatur - und nicht etwa um die Wirklichkeit.Der Ich-Erzähler des Romans „Das bin doch ich“ ist ein Schriftsteller namens Thomas Glavinic, der gerade das Manuskript seines neuen Romans „Die Arbeit der Nacht“ vollendet hat (wie die meisten biographischen Details entspricht das den Fakten, F.A.Z. vom 4. Oktober 2006). Er steckt mitten in jener postnatalen Depression, die Autoren häufig befällt, wenn das Werk vollbracht, aber noch nicht auf der Welt ist, ja, noch nicht einmal ein Verlag gefunden ist. Seine Familie - er hat mit seiner geduldigen Partnerin Else einen zwanzig Monate alten Sohn - ist das erste, aber nicht das einzige Opfer seiner Launen.

Dieser Glavinic ist hypochondrisch und neurotisch, misanthrop und larmoyant und checkt fünfmal in der Stunde seine Mails in der Hoffnung auf eine erlösende Nachricht seiner Agentin. Seinen Tag (und oft auch die Nacht) verbringt er mit ungesundem Essen, noch ungesünderem Trinken, stundenlangem Computerspielen und dem Besuch von Literaturveranstaltungen erfolgreicher internationaler Kollegen, bei denen er sich dann hemmungslos volllaufen lässt und danebenbenimmt: ein Porträt des Künstlers als junges Wrack.Vor allem aber ist Glavinic neidisch. Er ist befreundet mit Daniel Kehlmann, dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ just zu dieser Zeit die Bestsellerlisten erobert: Per SMS gibt der Kollege die immer phantastischer werdenden Verkaufszahlen seines Romans und weitere Beweise stetig wachsender Berühmtheit durch. Als ein Kritiker schreibt, Kehlmann sei „der beste Autor seiner Generation“, durchzuckt Glavinic der Gedanke: „Das bin doch ich“, nicht ohne sich gleich über seine Missgunst zu grämen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Richtig ernähren Dem Flexitarier gehört die Zukunft

Kulinarische Lebensformen: Mark-Stefan Tietze sieht sich in der verheißungsvollen Welt der Veganer um, während Ulrike Weiler gute Tipps parat hat für einen richtigen Konsum von Fleisch. Mehr Von Erwin Seitz

29.06.2016, 06:59 Uhr | Feuilleton
Südafrika Hoffnungsloser Kampf gegen den Kohleboom

Südafrika ist der siebtgrößte Kohleförderer der Welt. Ein Großteil der Kohle geht in den Export. Im Land selbst wird daraus vor allem Strom erzeugt. Doch das Geschäft mit der Kohle hat auch Schattenseiten und Widerstand macht sich breit. Mehr

10.06.2016, 11:08 Uhr | Wirtschaft
E-Book-Kolumne E-Lektüren Dichtung und Arbeit

Zwei E-Books sind erschienen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch dasselbe meinen. Ben Lerner erklärt den Hass auf die Lyrik und Bernhard Keller die Liebe zum Baby. Mehr Von Oliver Jungen

19.06.2016, 22:38 Uhr | Feuilleton
Fußball-EM Russische Hooligans stolz auf Krawalle in Frankreich

Auseinandersetzungen zwischen russischen und englischen Hooligans haben bei der EM in Frankreich für Schrecken gesorgt, doch die Kontrahenten selbst sind stolz auf die Bilder. Mehr

14.06.2016, 14:25 Uhr | Sport
AfD In der Hitze der Macht

Wie sich in der AfD binnen weniger Tage vier Putschversuche ereigneten – und warum die Partei nicht umhin kommen wird, die nächsten Monate mit Ränkespielen zu verbringen. Mehr Von Justus Bender, Reinhard Bingener und Rüdiger Soldt

20.06.2016, 19:39 Uhr | Politik