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Rezension Christian Schliers erstes Lehrjahr

16.10.2001 ·  Rainer Merkels Debüt zeigt die vertrackte Arbeitswelt der New Economy, ohne sie zu entschlüsseln.

Von Uwe Ebbinghaus
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Stark verunsichert betritt Christian Schlier die Agentur GFPD, wo er sich - dem Rat eines Freundes folgend - als Konzepter vorstellt. Schlier, der gerade durchs Physikum gefallen ist, hat keine Ahnung, was GFPD bedeutet und was hier von ihm erwartet wird. Seine Gehaltsvorstellung bewegt sich zwischen „Volontär“ und 8.000 Mark pauschal.

Man sollte Schlier aber nicht unterschätzen. Trotz seiner inneren Unsicherheit versteht er es von Anfang an, das Spiel namens GFPD zu spielen. Im Gespräch mit seinen Vorgesetzten verhält er sich offensiv und clever. Niemals lässt er sich provozieren oder seine Unsicherheit anmerken. Er ist flexibel - und allein aus diesem Grund passt er zu GFPD, wo es keine festen Regeln gibt, die Hierarchien flach sind und wo derjenige durchkommt, dem es gelingt, das Spiel durch immer neue Wendungen am Laufen zu halten.

Eigentümliche Spannung

Wer den diesjährigen Bachmann-Wettbewerb verfolgt hat, kennt bereits die ersten Kapitel von Rainer Merkels Debüt-Roman, der in Klagenfurt überraschend leer ausging, dem kurz darauf jedoch der Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung zugesprochen wurde. Die übrigen Kapitel halten, was die Klagenfurt-Lesung Merkels versprach: „Das Jahr der Wunder“ ist ein beeindruckend stilsicherer Gegenwartsroman, der erhebliches Identifikationspotential enthält und von einer eigentümlichen Spannung lebt.

Von Beginn an wird der Leser den Eindruck nicht los: Hier braut sich was zusammen, spätestens an der Präsentation seines ersten Projekts muss selbst der wendige Schlier scheitern. Immer wieder sieht man - vom Autor nach Kräften unterstützt - das Unheil heraufziehen, wünscht sich fast, es möge seinen Lauf nehmen und ein reinigendes Gewitter auslösen. Am Schluss allerdings muss man überrascht feststellen, dass Schlier fast jede Gefährdung schadlos überstanden hat. Er ist durchgekommen. Ist er ein Gewinner?

Permanente Verunsicherung

Die oft künstlich erzeugte Spannung ist für den Roman - konzeptionell gesehen - so unverzichtbar, weil er das Gegenteil von einem dynamischen, selbstlaufenden Bildungsroman ist: Weder beruflich, noch persönlich macht Schlier in seinem kuriosen „Training on the job“-Programm eine positive Entwicklung durch. Er passt sich an, kann aber nicht an Widerständen wachsen, weil sich ihm keine in den Weg stellen.

Da man bei GFPD keine „klassische“ Ausbildung braucht und gleichzeitig kaum etwas lernen kann, ist Schliers Position am Ende so unsicher wie zu Beginn. Vertrauensverhältnisse oder verlässliche Freundschaften gibt es keine. Für Privates lässt der Job keine Zeit.

Prinzip „Fehlervermeidung“

Eigentlich besteht kein direkter Anlass dazu, an Merkels Roman irgend etwas auszusetzen. Für ein Debüt ist der Roman erstaunlich diszipliniert. Merkels Prosa ist - von wenigen geschweiften Vergleichen abgesehen - bestechend lakonisch. Der Roman wirkt nicht nur wegen seines strengen Aufbaus in zwei gleich große Teile äußerst geschlossen. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass dem Buch etwas fehlt - etwas wie eine Haltung. Wo zum Beispiel bleibt Schliers Widerstandsgeist und sein inneres Aufbegehren gegen diese kalte Arbeitswelt? Wo bleibt die Distanz des Autors gegenüber seinem genügsamen Helden?

Zwar fehlt es dem Roman inhaltlich und formal nicht gänzlich an distanzschaffenden Elementen - vor allem die Dialoge sind oft köstliche kleine Sprachsatiren - allerdings sind sie derart diskret und unzusammenhängend, dass sich aus ihnen kein alternatives Konzept zusammensetzen lässt. Der Leser bleibt über weite Strecken von Schliers eingeschränkter, aufs Durchkommen gerichteter Perspektive abhängig, möchte sie durchbrechen - und kann nicht.

Zum Schluss ist man ebenso orientierungslos wie die Hauptfigur. Das beunruhigende GFPD-Spiel, das man so gerne verstanden, so gerne dekonstruiert hätte, läuft einfach weiter, völlig unbeeinträchtigt. Kein Betriebsrat in Sicht.

Rainer Merkel: Das Jahr der Wunder, Roman, 283 S., S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001, DM 38,92 / EUR 19,90

Quelle: @uweb
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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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