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Rezension: Bildnis der Mutter als junge Frau : Die römische Wanderin und ihr Schatten

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Bild: Verlag

F. C. Delius malt ein großes Zeitbild auf kleinem Raum.

          Eine einundzwanzigjährige Frau geht durch die Stadt Rom. Sie ist auf dem Weg zu einem Konzert in der evangelischen Kirche in der Via Sicilia. Die Frau ist erst kürzlich aus Mecklenburg nach Rom gekommen, weil ihr Mann dorthin versetzt worden war. Dieser Mann aber ist, einer Verwundung zum Trotz, neun Wochen zuvor überraschend nach Tunis abkommandiert worden, seine Heimkehr bleibt ungewiß. Sie ist allein, und sie ist im achten Monat schwanger. Es ist fünfzehn Uhr. Es ist ein Samstag im Januar 1943.

          Der Gang der Dinge: Das ist in F.C. Delius' Erzählung dieser Weg durch eine Stadt, dem die Erzählung folgt und deren inneren Bewegungen sie sich anschmiegt - in der Unmittelbarkeit sensibler Einfühlung und in der distanzwahrenden Diskretion der dritten Person Singular. Eine knappe Stunde wird die junge Frau brauchen vom Verlassen ihrer Wohnung bis zur Ankunft in der Kirche. Von der ersten bis zur einhundertsechsten Seite dauert dieser Weg, dann folgt auf den letzten zwanzig die Schilderung des Kirchenkonzerts, auf das der Text mit seiner Heldin zuläuft. Und er endet mit dem Ausblick auf den Abend, an dem sie dies alles für ihren fernen Ehemann aufschreiben wird, "in einem langen, langen Brief".

          Der Schlußpunkt ist der erste und einzige Punkt im ruhigen Fortschreiten dieser Prosa, die bis dahin allein durch die Kommata und Leerzeilen gegliedert wird. Nur wenige Zeilen umfaßt jeder der ineinander übergehenden Absätze, die dem Weg der Wanderin folgen, sich im leichten Rhythmus ihres Gangs bewegen, eilig und verharrend, angstvoll hastend und beruhigt schlendernd und so trittsicher zwischen den naheliegenden Gefährdungen der Sentimentalisierung oder der Denunziation seiner Figur, wie es nur einem völlig souveränen Wanderer gelingt.

          Delius ist ein Nachfolger Wolfgang Koeppens, im schönsten Sinne: mit dessen Gespür für musikalische Phrasierung, für Leitmotivik und das rhythmische Gefälle der Assoziationen, aber ohne Manierismen. So beiläufig und genau, wie er seine Stadtansichten historisch situiert - nur im Augenwinkel werden die politischen Plakate und die "Radfahrer in schwarzen Hemden" sichtbar, das genügt -, wie er den Wechsel des Lichts während dieser Nachmittagsstunden protokolliert, so aufmerksam beobachtet er seine Heldin. Was immer er an Kunstmitteln aufbietet, es wird ganz durchsichtig auf diese in ihrer Selbstlosigkeit wie in ihrer Selbstwerdung anrührende Gestalt, eine Taube im römischen Gras.

          Aufgewachsen ist diese deutsche Tochter in einer Gutsherrenfamilie des mecklenburgischen Landadels. Ihr Vater, einst Korvettenkapitän der kaiserlichen Marine, tut nun Dienst im Marineamt zu Kiel, ein lutherischer Diener der Obrigkeit und "glaubensstrenger Volksmissionar". Auch der junge Ehemann hätte seinen Platz eigentlich auf der evangelischen Kanzel in der katholischen Hauptstadt.

          In der Vergegenwärtigung dieser norddeutsch-protestantischen Sprachwelt bewährt sich am eindrucksvollsten die Balance von sympathetischem Verstehen und leise ironischer Distanz, die F.C. Delius' Erzählung ausmacht. Im Umgang mit den Zitaten aus Gesangbuch und Psalter (und dazwischen Versen des Börries von Münchhausen), in Wortwahl und Satzbau stimmt hier jedes Wort: wie sich die Kindheitserinnerungen aus Doberan mit den römischen Szenerien vermischen, wie das Bild der deutschen Wartburg sich vor das der Peterskirche schiebt, wie die Beunruhigte sich "getröstet und geführt und gehalten" weiß vom Glauben und ihre Gedanken "im Herzen bewahren" will. (Daß sie in Rom bei den Kaiserswerther Diakonissen wohnt, versteht sich fast von selbst.) Und so nebenbei und indirekt wie fast alles Wesentliche erfahren wir, daß dieses deutsche Mädchen Margarete heißt.

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