Beim Bombenangriff ist die Kirchturmuhr beschädigt worden. Zwanzig Menschen haben außerdem ihr Leben lassen müssen, als die Flugzeuge im Tiefflug über die Stadt rasten, aber das ist, wie es scheint, in Zeiten des Bürgerkrieges kaum noch eine Nachricht. Die Hauptsorge gilt dem Uhrwerk, das umgehend instand gesetzt werden muß, um weithin sichtbar den Fortgang des Alltäglichen zu zeigen. Eine Reparatur jedoch erweist sich als unmöglich. Da verfällt ein Soldat auf die Idee, die Zeiger im Minutentakt von Hand weiterzubewegen, und stellt für diese Aufgabe ein eigenes Kommando auf. Fortan wird auf dem Ziffernblatt und durch die zeitgerechten Glockenschläge nach außen hin der Eindruck erzeugt, alles funktioniere wie vorher. Der Erfolg bei der Bevölkerung, den diese Maßnahme verzeichnet, rechtfertigt das Täuschungsmanöver - die Rückkehr zur Normalität verlangt eben bisweilen Simulation.
Dies berichtet die Zentralfigur in Aris Alexandrous griechischem Erfolgsroman "Die Kiste" von 1974, der jetzt erstmals auf deutsch erschienen ist. Darin schildert ein namenloser Erzähler die Beschädigungen des Lebens unter den Bedingungen des anhaltenden Militarismus und der allgegenwärtigen Gewalt. Die kalkulierte Einbindung der Kirchturmuhr in die Inszenierung von Gewöhnlichkeit ist hier nur ein besonders prägnantes Beispiel für die allgemeinen Anstrengungen, der Zerstörung und Verwirrung, die über das Land gekommen sind, durch den Anschein des Plausiblen Herr zu werden. Angesiedelt ist die Handlung im Spätsommer 1949, als die griechischen Bürgerkriegsparteien längst in das Räderwerk des Kalten Krieges geraten sind. Wie dabei noch die absurdesten Aktionen aufgeboten werden, um ein Pathos des Heroischen zu simulieren, spielt der Roman an seinem titelgebenden Objekt durch.
Im Lager der kommunistischen Partisanen wird ein Sonderkommando mit einer konspirativen Mission betraut: Eine Holzkiste, deren Inhalt angeblich kriegsentscheidend ist, muß transportiert werden. Ihr genaues Ziel kennt nur das Hauptquartier, das die Marschroute von Tag zu Tag verschlüsselt mitteilt. Höchste Eile und Geheimhaltung sind geboten. Den drei Dutzend eingeschworenen Soldaten werden daher Zyankali-Kapseln ausgehändigt, die sofort zu schlucken sind, wenn einer von ihnen verletzungsbedingt nicht mehr Schritt hält. Den Befehl zum Selbstmord erteilt der Major stets auf dieselbe Weise, indem er seine Taschenuhr überreicht. Anschließend bleiben dem Verurteilten noch genau dreizehn Minuten für die letzte Zigarette und den militärischen Abschiedsgruß. Dann geht er für die gute Sache in den Tod.
Ein einziger nur überlebt. Doch wer seinem Bericht das Psychogramm eines ideologisch motivierten Selbstmordkommandos entnehmen will, wird schnell enttäuscht. Beweggründe und Hoffnungen werden ebensowenig mitgeteilt wie Zweifel, Ängste oder innere Rechtfertigungsversuche. Was zählt, sind einzig die Befehlsketten eines schemenhaften Partei- und Armeeapparats, und was erzählt wird, betrifft nur dessen unerbittliche Funktionsweise, die Persönliches nicht anerkennt und keine Legitimation braucht. Wir lesen die tagebuchartigen Aufzeichnungen des Überlebenden, der nach Abschluß der verlustreichen Mission unvermittelt in Untersuchungshaft genommen wird. Jetzt schreibt er täglich um sein Leben und legt den anonymen Richtern den Verlauf der Unternehmung dar. Wessen er angeklagt werden soll, ist allerdings unbekannt.
In einem nervösen Wortschwall aus quälend langen und gewundenen Sätzen, detailbesessen und in seinem verzweifelten Mitteilungsdrang oftmals verwirrend, bricht dieser Bericht über uns herein. Das immer wieder angekündigte Bestreben des Gefangenen, eine klare und chronologische Darstellung der Ereignisse zu liefern, erfüllt sich nicht. Statt dessen nötigt ihn die Vorsicht zu Ausflüchten und taktischen Fehlinformationen, um den Kenntnisstand der unbekannten Obrigkeit, die über ihn befinden wird, zu prüfen. So verfängt seine Geschichte sich in fortwährenden Revisionen und mündet letztlich in die ungewisse Abwägung verschiedener Versionen dessen, was geschehen sein könnte und was sich jeweils nur durch seinen Plausibilisierungsgrad unterscheidet. So bietet der Roman, trotz des historischen Sujets, kein Geschichtspanorama, sondern eine Anschauung der Täuschungsmacht militärischer Inszenierungen.
Aris Alexandrou, der von 1922 bis 1978 lebte und zunächst als Lyriker und Übersetzer bekannt geworden ist, war selbst aufgrund linker Sympathien jahrelang in Haft. Die Machtergreifung der Obristen trieb ihn 1967 ins französische Exil, wo "Die Kiste", seine einzige längere Prosaarbeit, entstand. In Griechenland konnte der Roman erst nach dem Ende der Militärherrschaft herauskommen; mittlerweile wird die zweiundzwanzigste Auflage vertrieben.
Auch wenn deutschen Lesern das Trauma dieses Bürgerkriegs, das die griechische Literatur offenbar bis heute immer wieder zur Bearbeitung drängt, kaum bedeutsam sein dürfte, lohnt die Lektüre gerade deshalb, weil sie nicht auf Spannung setzt. Das zentrale Rätsel, was die ominöse Kiste überhaupt enthält, tritt nämlich am Ende, wo sie allenfalls zum Sarg taugt, ganz zurück gegenüber der Logistik des politischen Apparats, für den sie steht. Der Mechanismus von Missionen, deren vorrangige Begründung darin liegt, daß sie stattfinden, scheint derzeit beklemmend aktuell zu sein. Nicht zuletzt mag daher der simulierte Mechanismus der defekten Kirchturmuhr daran erinnern, daß manchem historischen Roman seine Stunde unerwartet und viel später schlägt.
Aris Alexandrou: "Die Kiste". Roman. Aus dem Griechischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Blümlein. Verlag Antje Kunstmann, München 2001. 303 S., geb., 42,80 DM.