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Rezension: Belletristik : Zur See, Philosophen

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Herders "Journal meiner Reise" · Von Hans-Jürgen Schings

          Am 20. Mai: "Erlaßung erhalten". Am 21. Mai: "Die letzte Leiche". Am 28. Mai: "Abschiedspredigt". Am 3. Juni Abreise aus Riga. Am 5. Juni "in See gegangen". So verabschiedet sich, nicht ohne "übertäubende" Abenteuerlichkeit und Hektik, der vierundzwanzigjährige Johann Gottfried Herder aus Riga und von seinen Ämtern. Einer der folgenreichsten Aufbrüche der deutschen Literaturgeschichte nimmt seinen Lauf - die Urszene des Sturm und Drang kommt wie nirgends sonst vor den Blick.

          So explosiv wie der Aufbruch gibt sich der Text, der ihn dokumentiert, das "Journal meiner Reise im Jahr 1769". Zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht, bietet er den wohl besten Zugang zu der gärenden Welt Herders mit den Tigersprüngen seiner Genialität. Man gerät in einen atemlosen Wirbel von Einfällen, Entwürfen, Projekten, Antizipationen. Was der Reisende in Nantes und Paris zu Papier bringt, wird ihn sein Leben lang in Bewegung halten. Größer jedenfalls kann man nicht denken und planen.

          Es beginnt im Faust-Ton. Zu eng sei die Sphäre, in die ihn Amt und Schriftstellerei eingesperrt hätten. Er gefalle sich nicht, erklärt der durchaus erfolgreiche Pädagoge, Prediger und Autor, den die Bewohner von Riga nur ungern ziehen lassen. Zu einem "Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei" sei er verkommen, einem "Repositorium voll Papiere und Bücher". An den Schiffsmast gelehnt, versucht er sich nun, "ohne Bücher und Instrumente", als "Philosoph auf dem Schiffe" und "Philosoph der Natur", holt zu fabelhaften analogischen Entdeckungen aus, läßt sich von Wellen, Strömen, Winden, magnetischen und elektrischen Kräften zu den Strömen und Kräften der Völker und der Weltgeschichte führen - ein Verfahren, das ihn viel später mit seinem Lehrer Kant entzweien wird.

          Und doch sind es immer wieder Buchpläne, die aus ihm heraussprudeln, von Ausrufezeichen gejagt: "Welch ein Werk über das Menschliche Geschlecht! den Menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kälte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Aegyptische Kunst und Philosophie und Polizei! Phönicische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! Papistische Zeit, Mönche, Gelehrsamkeit! Nordisch asiatische Kreuzzieher, Wallfahrter! Ritter! Christliche Heidnische Aufweckung der Gelehrsamkeit! Jahrhundert Frankreichs! Englische, Holländische, Deutsche Gestalt! - Chinesische, Japonische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten usw."

          Die "großen Themen" überstürzen, bündeln, verwickeln sich: Universalgeschichten der "Bildung der Welt", der Kulturen der Völker, Genese von Mythologie, Religion und Poesie, ein Buch zur Menschlichen und Christlichen Bildung, Anthropologie, Psychologie, Ästhetik als Experimentalphilosophie der Sinne. Was er auch angreift, immer versteht er sich als "Schriftsteller der Menschheit", verfolgt er eine menschheitliche Sendung. Dafür steht später, hier noch selten verwendet, der Begriff der Humanität - das Gütesiegel von Herders Gesamtwerk.

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