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Rezension: Belletristik : Zitternde Zeilen

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Felicitas Hoppes Erzählung eines Nachbebens, das nicht enden will / Von Hubert Spiegel

          Wenn alle Lunten erloschen sind und die Dynamitstangen, fein säuberlich der Größe nach geordnet, in groben Kisten ruhen, durch schwere Vorhangschlösser gegen fachfremdes Zündeln gesichert, dann liegen die Sprengmeister in schwerem Schlafe und träumen vom Feind. Sie wissen, daß jeder Schöpfung die Zerstörung vorauszugehen hat, daß nur gebaut werden kann, wo zuvor Platz geschaffen wurde. Deshalb sprengen sie Lücken in die Welt, Nischen, Brachen, freie Plätze und Felder, erschaffen Schluchten und Tunnel, sie reißen Häuser und Türme nieder, und wo ein Gebirge sich erhebt, lassen sie mit Donnergetöse eine Ebene entstehen. Aber nachts, in ihren Träumen, stehen sie am Ufer ferner Meere, und die Wellen umspielen ihre Füße wie zum Hohn.

          Denn das Wasser ist der eine Feind, der sich nicht bezwingen läßt und unablässig ihren Künsten spottet: Bei jeder Sprengung weicht er zurück, so schnell, daß niemand zu folgen vermag. Aber kaum ist der Donner verklungen, kaum haben die Nebel aus Pulver- und Wasserdampf sich verzogen, kommen die Wogen wieder herangestürmt, und wenig später liegt das Meer spiegelglatt, als wäre nie etwas geschehen. So spotten die Ozeane dem Fortschritt und seinen resoluten Agenten, die von einem Feind träumen, der ihnen feige aus dem Weg geht, sie aber bis in den Schlaf verfolgt. Und deshalb behält die Tochter des Dynamitfabrikanten in Felicitas Hoppes Erzählung "Die Torte" ihre grünen Gummistiefel noch im Bett an - "weil ich Angst vor nassen Füßen habe und davor, ohne Ausrüstung in Träume zu stürzen, und barfuß will ich schließlich nicht sterben. Immer noch will ich vorbereitet sein."

          Doch das einzige, was die namenlose Erzählerin noch sprengt, sind die Torten, aus denen sie zur Belustigung kleinerer und größerer Gesellschaften steigt, um den Höhepunkt des Abends und der Stimmung zu markieren, musikalisch begleitet von einem taubstummen Drillingstrio, das seine Stücke auswendig spielt, ohne einen Ton zu hören, "im inneren Einklang derer, die an dasselbe Eisen geschmiedet sind".

          Die Tochter mit ausgeprägtem Hang zum Vergänglichen, "zu allem, was anstandslos verschwindet", ist der letzte Sproß einer Sprengmeisterdynastie: Docht, der Onkel und Juniorpartner, fiel einem Betriebsunfall, womöglich aber auch der Eifersucht des Vaters zum Opfer: "eine dürre, flackernde Kerze, die, als sie die Sprengungswelle erreichte, plötzlich und lautlos verlosch." Die Eltern sind verschwunden, ihr Schicksal ist ungewiß, nur daß sie nicht mehr beisammen sind, weiß die Tochter genau. Das Donnern der letzten Explosion ist lange schon verklungen, aber noch immer spürt man die Erschütterung der Explosion in jedem einzelnen Wort. "Die Torte" ist die Geschichte eines Nachbebens, das nicht verklingen will.

          Erschienen ist dieser zeilenzitternde Text in einem Kleinverlag, der "Berliner Handpresse". Die wundervolle großformatige Ausgabe ist von Hand gesetzt und gedruckt, versehen mit Original-Linolschnitten von Ingrid Jörg, Klaus Ensikat und Wolfgang Jörg. Dreihundert Exemplare beträgt die Auflage, jeder Band ist numeriert und von der Autorin und den Künstlern signiert. Seit 1961 verlegt die Kreuzberger Buchwerkstatt bibliophile Drucke alter und neuer Texte: unveröffentlichte Arbeiten von Ödön von Horváth, Carl Einstein, Ferdinand Bruckner oder Georg Kaiser aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste sowie Originaltexte zeitgenössischer Autoren wie Ernst Jandl, Peter Hacks, Sarah Kirsch, Uwe Timm, Heiko Michael Hartmann, Felicitas Hoppe und vielen anderen. Einhundertundsieben Bände sind es mittlerweile, alle mit Original-Grafiken illustriert: Geschenke für Liebhaber, Bücher, von denen wir noch träumen, wenn alle Weihnachtslunten erloschen sind und die Kerzen, fein säuberlich der Größe nach geordnet, wieder in groben Kisten ruhen.

          Felicitas Hoppe: "Die Torte." Erzählung. Mit sechs farbigen Original-Linolschnitten von Ingrid Jörg, Klaus Ensikat und Wolfgang Jörg. Numerierte und signierte Auflage von dreihundert Exemplaren. 24 S., geb., 210,- DM.

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