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Rezension: Belletristik Zigeunerjunge im Nachttisch

19.09.1997 ·  Einsam, einsam: Wolf Wondratschek schwärmt von Messerwerfern

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Von Diedrich Diederichsen stammt das Wort: "Wolf Wondratschek ist Uschi Glas." Das hat beinahe die Qualität einer Meditationsaufgabe für Zen-Buddhisten. Läßt man die widersinnige Gleichung in tiefere Bewußtseinsschichten sinken, geht sie heiter auf. Freilich ist Uschi Glas keine Dichterin oder höchstens eine im verborgenen. Wolf Wondratschek hingegen dichtet so öffentlich, wie man nur dichten kann, und das seit Jahrzehnten, wenn auch die Abstände zwischen seinen Auftritten immer größer wurden. Jetzt ist er, was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft, zu neuer Hochform aufgelaufen.

Leser bunter Häppchengazetten wissen bereits, daß sein jüngster Gedichtzyklus "Das Mädchen und der Messerwerfer", von einer Apothekerin und einem Milliardär mäzenatisch betreut, in allen Nachttischen eines Hamburger Nobelhotels neben der Bibel als Einschlaflektüre ausliegt. Auch wurde mit Bedacht die rührende Entstehungsgeschichte des Werkes unters Volk gebracht: Im neunten Bezirk der sommerlich verödeten Stadt Wien, wo er über die Mitwohnzentrale für drei Wochen eine karge Mansarde gemietet hatte, kam der Poet "zwischen einfachen Leuten" der Welt abhanden. Unverhofft, doch wie auf Kommando erschien ihm die Muse und sagte: "Ich bin, wenn du mich suchst, / das Mädchen, das barfuß geht."

Welch ein Salto: aus der Pose des gestiefelten, von Frauen wie "Carmen" zu Tode gekränkten Desperados in die unbequeme Position des bloßfüßigen, mit gestreckten Gliedmaßen "in Sternenform" auf Holz geschnallten Zirkuskindes, das einem Messerwerfer als Zielscheibe dient. "Ich bin, was er will: eine unbewegliche / Linie, ein Körper ohne mein Herz, ein Kind / ganz ohne Gedanken." Angesichts der drohenden Gefahr, vom "Arschloch der achtziger Jahre" zur Niete der neunziger zu verkümmern, hat sich der als Großmaul verschrieene Dichter kopfüber in eine asketische Schlichtheit gerettet. Und in jenes mild exotische Milieu, das in Literatur und Film noch nie seinen Effekt verfehlte: armseliger Wanderzirkus, ländliche Jahrmärkte, ratlose Artisten.

Die Wirkung ist um so zuverlässiger, wenn die Truppe eine Gegend mit mediterranem Flair bereist: "kleine Dörfer / am Meer und in den Bergen", ein Land, "das im Kriegslärm der Grillen / allmählich zerfällt". Der Messerwerfer wird denn auch "Grappa" genannt. Er trägt, als Gegenbild zu dem reinen, mignonhaft androgynen Geschöpf, auf das er seine Klingen schleudert, deutliche Züge des schürzenjagenden Kneipendichters Wondratschek: "Er rülpst. / Halb schon im Schlaf / gleitet die Hand über die Rundungen der Flasche / ins Herz einer Frau, welcher auch immer."

Der trinkfeste, innerlich verwundbare Rohling hat zwei Frauen, die sich ebenso schlecht vertragen, wie er sie behandelt - ein uralter Männertraum. Das heranwachsende Mädchen, mit dem er schließlich ("Mein Schutzengel / schüttelt den Kopf") allein auf Tour geht, um den Weibern und der Zirkustristesse zu entfliehen und seine sexualsymbolisch aufgeladene Wurfkunst tollkühn zu vervollkommnen, ist vielleicht, genau weiß man es nicht, seine Tochter. Konstellation und Atmosphäre erinnern vage an Fellinis "La Strada". Doch hinter der halb stoischen, halb todessehnsüchtigen Melancholie des Mädchens, das mit niemandem redet, dürfen wir hier den Weltüberdruß des Poeten wittern, der mit seinem einsamen Artistentum kokettiert, wenn es heißt: "Ich bin gerne nutzlos, aber es ist / anstrengend" oder "Mein Job sind kleine Kunststücke" oder auch "Mein Leben interessiert mich nicht".

Im letzten der fünfunddreißig kurzen Gedichte, als der Klingenakrobat "müde von schlechten Gedanken" im Gras neben seinem Wagen liegt, "kommt die / Katze und schaut ihn an". Eine Reminiszenz an den Wondratschek-Band "Chuck's Zimmer" von 1974: "Das ist die Stunde kurz nach Mitternacht, / die Katze, die dich anschaut / und nicht lacht." Hier darf überhaupt nicht mehr gelacht werden. Der Messermann malträtiert den Zirkusclown, und einen anderen Spaßmacher bringt er zur Strecke, weil er es gewagt hat, ihn zu parodieren. Für ironische Brechungen ist in dieser dekorativen Trostlosigkeit kein Platz.

Ernst genommen werden will der Wortkünstler Wondratschek, wenn er uns vorführt, daß er noch immer sein Handwerk beherrscht. Durchaus elegant hantiert er mit freien Rhythmen, streut Stab-, End-und Binnenreime locker ein, erfindet hübsche Bilder und poetische Wendungen: "Und / der Himmel, wie hoch er jetzt ist über allem, / und kein Ding auf der Welt uns ähnlich." Das ändert nichts an dem Eindruck, daß diese geschmackvollen kleinen Kunststücke von des Messers Schneide ins literarische Kunstgewerbe gekippt sind. "Die mörderische Frage, wer mit wem schlief", die vor elf Jahren den schon abgewrackten, aber immerhin noch aufsässigen "Carmen"-Schwadroneur umtrieb, hat sich nicht bloß in Wohlgefallen, sondern in Gefälligkeit aufgelöst. Das paßt zu jedem besseren Hotelmobiliar. Und in den Bücherschrank jeder Fernsehfamilie, deren Mutter von Uschi Glas gespielt wird. KRISTINA MAIDT-ZINKE

Wolf Wondratschek: "Das Mädchen und der Messerwerfer". Gedichte. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 1997. 77 S., br., 17,- DM.

Das Mädchen und der Messerwerfer

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.1997, Nr. 218 / Seite 38
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